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Forum: Allgemein

Ökonomischer Jagdverein
MeisterLangohr22.01.19 @ Carcano #
Carcano schrieb:

"Brovvogadeur unn Diverssant !!"

Nein, mir gehts nicht um Provokation sondern um Verständnis und den fairen Widerstreit der sachlichen Argumente.
Dackelfan22.01.19 @ Raufer #
Raufer schrieb:

Nein, allein der Begriff ,,Schädling" ist schon völlig anthropozentrisch. Unter ökologischen, also im Grunde biodiversitätsorientierten Gesichtspunkten ist heute ein völlig überhöhter Wildwiederkäuerbestand sogar von Vorteil. Was in unserer Landschaft fehlt sind die Sukzessionsstadien ,,Zerfall" und ,,Pionierphase". Die daran hängenden Arten sind die seltenen bei uns. Siehe als wenige von vielen Beispielen die Bioindikatoren Raufußhühner oder Eremit. Unter diesen, rein ökologischen Gesichtspunkten könnte es genug Verbiss kaum geben.

Das heißt natürlich NICHT, dass ich für eine alleinige Ausrichtung nach diesen Gesichtspunkten bin, versteht sich.


Alles klar, heute verkauft die Forstpartie das Holz, welches wiederkäuendes Schalenwild vor ca. 80 / 90 Jahren übersehen hat.
An mein Revier grenzt eine relativ große Kernfläche die der Bewirtschaftung entzogen ist. Überall Naturverjüngung, obwohl da noch Rehwild zieht!
Wachtelhund22.01.19 #
Naja, ich halte den Begriff "ökologisch" bei einem Jagdverein, für irreführend. Jede Form der Jagd wirkt auf die Ökologie, selbst die Rehwildzucht. Was gut oder schlecht ist, lasse ich mal dahingestellt.
Außerdem umfasst Ökologie doch ein paar mehr Aspekte als die Jagd, und Ökologie in Kulturlandschaften ist nochmal ein extra Kapitel.
Letztlich hat auch eine Mülldeponie eine eigene Ökologie.


[quote]Raufer schrieb:

Nein, allein der Begriff ,,Schädling" ist schon völlig anthropozentrisch. Unter ökologischen, also im Grunde biodiversitätsorientierten Gesichtspunkten ist heute ein völlig überhöhter Wildwiederkäuerbestand sogar von Vorteil. Was in unserer Landschaft fehlt sind die Sukzessionsstadien ,,Zerfall" und ,,Pionierphase".

was willst du damit sagen? Brauchen wir mehr Sahelzone in Deutschland?
Ich denke die letzten Stürme und der Borkenkäfersommer habe schon genug Suksession und auch den Raum für Pionierphasen geschaffen.Auf den Flächen, die in meinem Wald schon wieder in der Pionierphase sind, ist die Auswahl an Pionieren doch sehr eingeschränkt. (Reidgras ,Farn, Birke) wenn z.B. in den alten lichten Beständen und auch in den neu aufgelichteten mehr Rehböcke als Heidelbeeren wachsen, hat das mit Sicherheit für die Artenvielfalt.
und ein bischen mehr Ökonomie wäre auch nicht schlecht. Nur malso als Beispiel: Wenn ich eine Eiche oder Weißtanne mit Einzellschutz schütze und mir das Geld dafür leihe zu 3 oder 4%, die zinsen auflaufenlasse reicht nach 100 JAhren der Erlös aus dem geernteten Baum nicht um denden Kredit abzublösen. Wenn Jäger Ihr Geld in der Jagd verbrennen, ist das Ihre Sache. Aber sie können das können nicht von den Waldbesitzern verlangen.
Hulzfux22.01.19 @ MeisterLangohr #
MeisterLangohr schrieb:

Aber was mich konkret interessiert ist: Was genau macht / fordert der ÖJV was so ökonomisch und nicht ökologisch ist? Die Behauptung wird zwar immer wieder aufgestellt, aber nie so recht begründet. Kann mir das mal einer erklären?

ML


Ich bin zwar Förster, aber nicht beim ÖJV, weil die mir zu extrem sind. Ich denke aber, dass es ganz einfach um das Wild geht.

Der BJV/LJV ist quasi der "Anwalt des Wildes" und will natürlich die Grundeigentümer nicht verärgern, sondern schon irgendwie schauen, dass die zufrieden sind, was Wildschäden angeht. Die sehen aber auch eine gewisse Pflicht bei den Waldbesitzern, dass der Waldumbau nicht auf dem Rücken des Wildes allein ausgetragen wird, sondern dass man eben auch Einbußen in der Verjünung oder eben Geld bzw. Zeit/Arbeitskraft in diese Steckt, um sie vor dem Wild zu schützen.

Da diese Kosten für den Schutz vor Verbiss von naturverjüngten oder gepflanzten Bäumchen zum Teil sehr hoch sein können, ist dem ÖJV lieber, den Wildbestand so abzusenken, dass nahezu alle Baumarten in der Verjüngung ohne Schutz hochkommen. Oftmals ist man überrascht, welche Baumarten plötzlich ohne Samenbaum in direkter Umgebung ansamen, sobald der Faktor Wild ausgeschaltet ist.

Das ist quasi die ökonomische Betrachtung, weil man kein Geld für Wildschutz ausgeben will.

Ich ärgere mich schon sehr oft über die fehlende waldbauliche Freiheit, die durch das Wild verursacht wird.

Ein kleines Käfernest würde theoretisch passen, um mal eben 25 Tannen zu setzen. Da wird aber nix übrig bleiben, wenn man auf Schutz verzichtet. Gitternetz mit Pflock kostet mir in der Ausbringung aber zusätzlich mindestens 3,-€ mehr, ferner muss ich kontrollieren, ob alles intakt ist und später den Müll auch wieder entsorgen.
Gezäunte Kulturen muss ich nach jedem stärkeren Wind oder nassem Schnee auf Schäden durch herabfallende Bäume/Äste kontrollieren. Das macht mittlerweile bei den häufigen Wetterereignissen echt keinen Spass mehr.
Ausserdem entzieht man mit jedem Zaun dem Wild weiteren Lebensraum und gerade die aufgelichteten Kulturflächen wären eigentlich optimale Lebensräume mit Krautflora und Deckung, weswegen ich jeden Zaun so schnell wie möglich wieder abbaue. Kostet aber wieder Geld und Zeit.

Wäre der Wilddruck deutlich geringer, könnte man einfach mal schnell im Frühjahr irgendwo im lichten Altholz Buchengruppen setzen und braucht sich nicht mehr drum kümmern. So muss ich wieder einen Zaun bauen, kontrollieren, ... was im Haushaltssäckel der Kommune oder des Waldbesitzers ein Loch reißt. D.h. dass die Fläche dann aus Kostengründen eher kleiner ausfällt...der Waldumbauer dauert länger.

Optimal wäre aber, das Geld für Wildschutz lieber in flächenmässigen Waldumbau zu stecken und grosse Flächen vollzuklotzen. Bei geringem Wildstand hätte das Wild dann erheblich mehr davon, weil das bisserl Verbiss auf grosser Fläche nicht ins Gewicht fällt und die Äsung aber deutlich wertvoller wäre....

Meiner Meinung nach kann ich bei geringem Rehbestand trotzdem gute, starke Böcke haben, was ja wohl das Hauptziel in den Rehwildrevieren zu sein scheint. Man muss eben beim weiblichen Wild und den Kitzen einfach mal 15-20 Jahre richtig hinlangen, bis die Verjüngungsfläche im Revier so gross ist, dass der Verbiss einfach wenig Rolle spielt.
Das bringen die allermeisten Jäger aber nicht über´s Herz...sie pachten ja nicht um was zu schiessen, sondern wegen des Naturerlebnisses, der Hege, dem Fleisch für die Familie, ...

MeisterLangohr22.01.19 @ Hulzfux #
Hulzfux schrieb:

...

Da diese Kosten für den Schutz vor Verbiss von naturverjüngten oder gepflanzten Bäumchen zum Teil sehr hoch sein können, ist dem ÖJV lieber, den Wildbestand so abzusenken, dass nahezu alle Baumarten in der Verjüngung ohne Schutz hochkommen. Oftmals ist man überrascht, welche Baumarten plötzlich ohne Samenbaum in direkter Umgebung ansamen, sobald der Faktor Wild ausgeschaltet ist.

Das ist quasi die ökonomische Betrachtung, weil man kein Geld für Wildschutz ausgeben will.

...

Okay, Hulzfux, Dein Artikel ist jetzt der erste, der die Frage konkret aufgreift.
Wenn ich Dich also richtig verstehe (s. obiges Zitatausschnitt), dann geht es also, wenn trad. Jäger von "Gewinnmaximierungim Wald auf Kosten des Wildes" nicht um Einnahmenmaximierung sondern um Ausgabenminimierung? Du meinst also, wenn ich das was ich jetzt verstanden habe, mal in grelles Licht rücken darf: "Die trad. Jäger erwarten, dass die Waldbesitzer einen Teil ihres Vermögens gefälligst in Wildschutz zu stecken haben, damit sie (=die Jäger) höhere Wildbestände (=mehr Jagdfreuden) haben können." ? Also wenn das so wäre, dann wär das schon echt krass!
Deine Erklärung hat für mich aber einen Schönheitsfehler: Sie kommt von der "falschen Seite". Was Du sagst, ist das, was Du denkst, was die aussageerstellende Seite meint.
Ich will damit nicht abwerten was Du schreibst, aber ich hätte vor allem von der "Aussageseite" her gern erklärt (wie gesagt, so in Deine Richtung geht auch die Erklärung des ÖJVlers mit dem ich ab und zu Kontakt habe), aber ICH WILL DIE ZWEITE SEITE HÖREN !!! Erbarmt sich denn da niemand?

ML
Hulzfux22.01.19 @ MeisterLangohr #
MeisterLangohr schrieb:
Deine Erklärung hat für mich aber einen Schönheitsfehler: Sie kommt von der "falschen Seite". Was Du sagst, ist das, was Du denkst, was die aussageerstellende Seite meint.
Ich will damit nicht abwerten was Du schreibst, aber ich hätte vor allem von der "Aussageseite" her gern erklärt (wie gesagt, so in Deine Richtung geht auch die Erklärung des ÖJVlers mit dem ich ab und zu Kontakt habe), aber ICH WILL DIE ZWEITE SEITE HÖREN !!! Erbarmt sich denn da niemand?

ML


Ich BIN aber auch die andere Seite.

Hab mit 16 den Jagdschein gemacht und bin in privater Jagd mit "die beim Staat schiessen alles tot" aufgewachsen. Wie macht man die Passion zum Beruf - na klar - als Förster. Und deshalb kenne ich beide Seiten, dienstlich im Forst und privat bei der BJV-Kreisgruppe in der erweiterten Vorstandschaft und als Jagdhornbläser und Jagdpächter.

Ich bin sowohl die helle, als auch die dunkle Seite der Macht...

Das bringen die allermeisten Jäger aber nicht über´s Herz...sie pachten ja nicht um was zu schiessen, sondern wegen des Naturerlebnisses, der Hege, dem Fleisch für die Familie, ...[/quote]

ohne die Entmischung und Artenverarmung auch in der Strauch und Krautschicht und in der Folge auch ein Artenrückgang bei Insekten Singvogeln usw wäre das Naturerlebnis sicher intensiver. Ich würde das Bestreben nach hohen Wildbeständen eher "Volle Schießbude" nennnen.
(Beitrag vom Autor bearbeitet am 22.01.19 um 14:04 Uhr.)
Hohe Wildbestände haben mit der Vogelwelt eher nix zu tun.
Für die Jagdreviere wo ich hinkomme, bin ich gespannt auf die erste volle Schießbude.
esau22.01.19 @ Hulzfux #
Hulzfux schrieb:

Ich bin zwar Förster, aber nicht beim ÖJV, weil die mir zu extrem sind. Ich denke aber, dass es ganz einfach um das Wild geht.

Der BJV/LJV ist quasi der "Anwalt des Wildes" und will natürlich die Grundeigentümer nicht verärgern, sondern schon irgendwie schauen, dass die zufrieden sind, was Wildschäden angeht. Die sehen aber auch eine gewisse Pflicht bei den Waldbesitzern, dass der Waldumbau nicht auf dem Rücken des Wildes allein ausgetragen wird, sondern dass man eben auch Einbußen in der Verjünung oder eben Geld bzw. Zeit/Arbeitskraft in diese Steckt, um sie vor dem Wild zu schützen.

Da diese Kosten für den Schutz vor Verbiss von naturverjüngten oder gepflanzten Bäumchen zum Teil sehr hoch sein können, ist dem ÖJV lieber, den Wildbestand so abzusenken, dass nahezu alle Baumarten in der Verjüngung ohne Schutz hochkommen. Oftmals ist man überrascht, welche Baumarten plötzlich ohne Samenbaum in direkter Umgebung ansamen, sobald der Faktor Wild ausgeschaltet ist.

Das ist quasi die ökonomische Betrachtung, weil man kein Geld für Wildschutz ausgeben will.

Ich ärgere mich schon sehr oft über die fehlende waldbauliche Freiheit, die durch das Wild verursacht wird.

Ein kleines Käfernest würde theoretisch passen, um mal eben 25 Tannen zu setzen. Da wird aber nix übrig bleiben, wenn man auf Schutz verzichtet. Gitternetz mit Pflock kostet mir in der Ausbringung aber zusätzlich mindestens 3,-€ mehr, ferner muss ich kontrollieren, ob alles intakt ist und später den Müll auch wieder entsorgen.
Gezäunte Kulturen muss ich nach jedem stärkeren Wind oder nassem Schnee auf Schäden durch herabfallende Bäume/Äste kontrollieren. Das macht mittlerweile bei den häufigen Wetterereignissen echt keinen Spass mehr.
Ausserdem entzieht man mit jedem Zaun dem Wild weiteren Lebensraum und gerade die aufgelichteten Kulturflächen wären eigentlich optimale Lebensräume mit Krautflora und Deckung, weswegen ich jeden Zaun so schnell wie möglich wieder abbaue. Kostet aber wieder Geld und Zeit.

Wäre der Wilddruck deutlich geringer, könnte man einfach mal schnell im Frühjahr irgendwo im lichten Altholz Buchengruppen setzen und braucht sich nicht mehr drum kümmern. So muss ich wieder einen Zaun bauen, kontrollieren, ... was im Haushaltssäckel der Kommune oder des Waldbesitzers ein Loch reißt. D.h. dass die Fläche dann aus Kostengründen eher kleiner ausfällt...der Waldumbauer dauert länger.

Optimal wäre aber, das Geld für Wildschutz lieber in flächenmässigen Waldumbau zu stecken und grosse Flächen vollzuklotzen. Bei geringem Wildstand hätte das Wild dann erheblich mehr davon, weil das bisserl Verbiss auf grosser Fläche nicht ins Gewicht fällt und die Äsung aber deutlich wertvoller wäre....

Meiner Meinung nach kann ich bei geringem Rehbestand trotzdem gute, starke Böcke haben, was ja wohl das Hauptziel in den Rehwildrevieren zu sein scheint. Man muss eben beim weiblichen Wild und den Kitzen einfach mal 15-20 Jahre richtig hinlangen, bis die Verjüngungsfläche im Revier so gross ist, dass der Verbiss einfach wenig Rolle spielt.
Das bringen die allermeisten Jäger aber nicht über´s Herz...sie pachten ja nicht um was zu schiessen, sondern wegen des Naturerlebnisses, der Hege, dem Fleisch für die Familie, ...

Genau so erlebe ich das als Jäger und Waldbesitzer, natürlich in meinem kleinen Rahmen, auch.