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Besondere Momente

(1 Eintrag)

475 mal angesehen
01.04.2019, 13.50 Uhr

Kalt ist mir eigentlich nicht

Die eine oder andere Trophäe an der Wand hat vielleicht auch eine Geschichte, die man besonders in bleibender Erinnerung behält. War sie doch etwas außergewöhnlich, sehr überraschend oder auch hart erarbeitet.
Ich mache mir zu fast jeder Erlegung ein paar Notizen und gehe die am Ende eines jeden Jagdjahres noch einmal durch. Am Wochenende war es wieder mal so weit. Ich hatte Zeit und habe in meinen Aufschreibungen noch ein paar Jahre weiter zurückgeblättert. Also, vor ein paar Jahren …

...ist es März , der Mond nimmt schon wieder ab und hat sein Licht in die zweite Nachthälfte gelegt. Um 03 Uhr brummt kurz das Smartphone – die Kamera hat ein Foto geschickt. Das Bild zeigt drei Sauen an einer Suhle. Es wird wohl die Überläuferrotte sein, die regelmäßig im Wochentakt vorbeischaut. Also hoch, rein in die Klamotten und ab zur Mondpirsch. Eine viertel Stunde später bin ich im Revier. Der Wind steht schlecht, er kommt von Süden. Also versuche ich von Norden her an die Schonung mit der Suhle und der angrenzenden Wiese, die schon so manche Narbe hat, heranzukommen. Der Weg ist dafür allerdings nicht optimal, da teilweise alter Schotter unter den Schuhen knirscht. Für eine Sockenpirsch ist es mir aber viel zu kalt, so denke ich zumindest noch in diesem Moment. Nach weiteren 20 Minuten erreiche ich die Fichtenschonung. Es ist herrlich still, der Wind steht nur leicht an, der Mond hängt hinter dünnen Schleierwolken. Ich kann die Sauen in der Schonung hören. Ganz muntere Truppe wie mir scheint. An der Wiese angekommen, warte ich eine Stunde. Es tut sich nichts, die Sauen bleiben aus. Die werden wohl in der angrenzenden Schlucht verschwunden sein. Dort nachzusteigen ist mir die Sache nicht wert. Zu viele Felsblöcke verbieten ein sicheres pirschen und vor allem schießen.

Es dämmert und ich entscheide den Standort zu wechseln. Ich fahre mit dem Auto in einen anderen Revierteil, ein Wiesental mit einem kleinen Fluss. Eigentlich will ich das angrenzende Feld kontrollieren, hier stand letztes Jahr der Körnermais. Aber soweit komme ich nicht. Noch im Auto sitzend sehe ich auf ca. 400m eine einzelne Sau im Gegenhang stehen. Mit Schießstock, Glas und Waffe versuche ich vorsichtig bis zum Flussufer zu kommen und stehe hinter einer alten Weide. Ansprechen kann ich die Sau nicht, dafür ist es zu weit. Wie komme ich da jetzt ran? Bis zur nächsten Brücke ist es über einen Kilometer, dauert viel zu lange. Ich schätze das Wasser ist so ca. einen halben Meter tief, keine starke Strömung. Der Fluss ist hier ungefähr 5m breit. Gummistiefel habe ich zu Hause gelassen, ich wollte ja auf leisen Sohlen pirschen. Die Sau zieht derweil weiter die Wiese hoch und verschwindet hinter einem schmalen Waldstück. Durch die lichten Bäume kann ich aber sehen, das sie weiter in der Wiese bricht. Es ist kalt, das Thermometer im Auto hatte gerade noch 2°C angezeigt. Das Wasser wird kaum wärmer sein. Bevor ich mir weiter Gedanken mache, bin ich auch schon im Wasser. Es sind nicht nur 50cm. Bis zu den Oberschenkeln wird es nass, aber irgendwie nicht kalt. Auf der anderen Seite angekommen, krieche ich auf allen Vieren die steile Böschung hinauf und versuche so leise wie möglich mit schmatzenden Schuhen die noch gut 100m Wiese bis zur Waldkante zu überqueren. Ich stehe an der Waldkante und kann die Sau durch die Bäume immer noch im Hang sehen. Bisher hat sie mich nicht bemerkt. Ab hier muss ich aber vorsichtiger sein. Direkt an der Waldkante ist ein Graben, einen Meter breit, voll Wasser und Moder. Drüber springen wird nichts, die Ränder sind zu sumpfig. Ich könnte das Waldstück nach links umgehen, stehe dann aber voll im Wind. Geht also auch nicht. Ich bin ja schon nass, kalt ist mir eigentlich nicht, also was soll es. Ich versuche durch den Graben zu steigen und versinke bis zur Hüfte in Wasser und Schlamm. Wenn ich hier jetzt stecken bleibe, wird’s echt blöd. Zusätzlich hält mich noch eine Ranke einer Brombeere an meiner Mütze fest und will mich nicht aus dem Graben lassen. Es blubbert und gurgelt um mich herum. Eine Sau-blöde Idee war das! So langsam kann ich mich mit meinem Haselnuss-Schießstock nach vorn aus dem Graben schieben und stehe im Wald. Ich stinke und bin nass. Kalt, nein das nicht. Die Sau ist immer noch da, irre das die sich daran nicht gestört hat. Ich durchquere die Baumgruppe und krieche auf allen Vieren an der Waldkante den Hang hoch um in eine bessere Position zu kommen. Jetzt kann ich die Sau auch ansprechen. Ein Keiler, so um die 60kg, unerfahrener Überläufer ist meine Einschätzung. Wenn der sich jetzt hier irgendwo einschieben will, muss ich aus dem Wind und auf den Hang, gegen den Himmel wird nicht geschossen. Nach 50m erreiche ich das obere Ende des kleinen Tales und kann mich hinter einer Eiche aufrichten. Der Keiler hat die gleiche Richtung gewählt und zieht den Hang hinauf. Ich hab ihn zwar nur knapp 75m vor mir, schießen geht aber immer noch nicht. Im Hintergrund an Ende des Tales stehen die ersten Häuser eines kleinen Dorfes. Wenn der Keiler jetzt über die Talkante hoch auf das angrenzende Feld zieht, dann hat er gewonnen. Mittlerweile ist es nach 06:00 Uhr, die Sonne wird bald aufgehen. Wechselt er in das Waldstück zurück, dann habe ich eine Chance. Wenn nicht dann war es eine tolle Pirsch die ich so schnell auch nicht vergessen werden, auch ohne Beute. Ich genieße den Moment und versuche mich etwas zu beruhigen. Da dreht die Sau und trottet langsam den Hing hinab ich Richtung Wald, verschwindet hinter einem kleinen Hügel der Wiese. Ich ziehe parallel an der Waldkante mit nach unten. Jetzt taucht er neben den Hügel 50m vor mir wieder auf. Jetzt passt es. Waffe auf den Zielstock, so ruhig es geht das Fadenkreuz aufs Blatt und lasse fliegen. Der Keiler bricht zusammen, schlegelt aber kommt nicht mehr hoch. Ich kann im ZF seine letzten Atemzüge erkennen, dann setzt das stoßweise Dampfen in der kalten Morgenluft aus.
Die Sau zu bergen wird eigentlich nicht schwer. Ich muss nur zurück zum Auto und das steht auf der anderen Seite vom Fluss. So kann ich mir wenigstens den ganzen Schlamm von Schuhen und Hose waschen, die Jacke aber bleibt dreckig. Ich will nicht erst nach Hause und mich umziehen. Denn ich habe keine Lust meine hart erjagte Sau den Wölfen, die in letzter Zeit immer öfter präsent sind, zu überlassen. Ohne Jagdklamotten stehe ich ein paar Minuten später mit dem Auto neben der Sau und verfrachte sie nur in Socken, Unterhosen und Pullover auf den Heckträger. Kalt ist mir immer eigentlich immer noch nicht.
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Gelbkehlchen

Gelbkehlchen

Alter: 42 Jahre,
aus aufm Hügel

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Kommentare

01.04.2019 14:55 esau
So ist's recht. Weidmannsheil!!
Die Sau vergisst Du bestimmt nicht.
Zudem ist die Geschichte künftig für manches Schnapserl in der abendlichen Runde mit Freunden gut.
02.04.2019 02:52 Gesch
Dickes Waidmannsheil!! Schwer verdient!

Erstaunlich wie groß die "Opferbereitschaft" mancher Kollegen ist.

Ich gebs zu, ich habs lieber etwas gemütlicher - hartnäckig bin ich trotzdem...
02.04.2019 09:05 maguhl
Weidmannsheil!
02.04.2019 09:56 Gelbkehlchen
esau schrieb:
So ist's recht. Weidmannsheil!!
Die Sau vergisst Du bestimmt nicht.
Zudem ist die Geschichte künftig für manches Schnapserl in der abendlichen Runde mit Freunden gut.


Waidmannsheil Esau. Nein, vergessen werde ich die Jagd sicher nicht.
02.04.2019 09:58 Gelbkehlchen
Gesch schrieb:
Dickes Waidmannsheil!! Schwer verdient!

Erstaunlich wie groß die "Opferbereitschaft" mancher Kollegen ist.

Ich gebs zu, ich habs lieber etwas gemütlicher - hartnäckig bin ich trotzdem...


Waidmannsheil Gesch. Die erhöhte "Opferbereitschaft" rührte seinerzeit wohl eher noch aus der Tatsache, dass Sauen eher Wechselwild waren. Ist heute etwas anders.
02.04.2019 10:02 Gelbkehlchen
maguhl schrieb:
Weidmannsheil!

Waidmannsdank
03.04.2019 10:10 heinzelchen
Ich bin ja auch jemand, der dann nicht locker lässt.
Aber nasse Füße und nasse Hosen... Nein, dafür bin ich dann doch zu weich . Das mag ich nicht.
Vermutlich hätte ich den Umweg der zwei Kilometer gewählt, auf die Gefahr hin, daß es zu lange dauert.
09.04.2019 08:52 swinging_elvis
Waidmannsheil! Tolle und sicher bleibende Erinnerung!!! El
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