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Jagd in Finnland

Auf Elch und Birkwild (10 Einträge)

Weißwedel Suomi 2019_45 Weißwedel Suomi 2019_30 Weißwedeljagd in Finnland
878 mal angesehen
08.02.2019, 09.16 Uhr

Vom Sand in den Schnee - Weißwedel in Finnland

Sand, Sand, Sand… ich war mit einer Truppe Verrückter in der Rub Al Khali, dem leeren Viertel im Bereich der Liwa Oase im Landesinneren hinter Abu Dhabi unterwegs. Nach einer Nacht im Zelt ging es hinein mit dem 4WD in das unendliche Sandmeer. Ein Traum! Fast schon Ehrensache, dass ich als verhältnismäßiger Anfänger Tipps gut gebrauchen konnte und man mich auch das ein oder andere Mal herausziehen musste… Gut war es immer, sich an die Spuren des Vorausfahrenden zu halten, denn hier war der Sand (zumeist) tragfähig.

Aus dem All betrachtet erkennt man, dass diese Wüste Rub Al Khali von der halbmondförmigen Oase ausgehend aus riesigen Dünen mit dazwischen liegenden Salzpfannen – Sabkha genannt - besteht.

Da ich die geplante Strecke nicht kannte, orientierte ich mich so gut es ging an den mit aufgerüsteten Wranglers und Nissan Patrols ausgestatteten Freunden, merkte aber, dass sich so langsam ein gewisser Spannungsbogen auf unserer Fahrt aufbaute. Das Gelände änderte sich, von einer recht platten Sandfläche begannen sich kleinere Dünen aufzuwerfen, die etwas höhere Fahrkünste und Hintereinander-Fahren erforderte. Immer wieder wurde gestoppt, um die beste Route zu erörtern. Der Voraus-Fahrende konnte eventuelle Gefahrenstellen mittels Walkie-Talkie an die Nachkömmlinge übermitteln. Jetzt schien es wirklich spannend zu werden. Ein Wrangler verschwand zuerst hinter der nächsten Düne im immer mehr abfallenden Gelände. Schon schaute man sich an, wer denn wohl nachfolgen sollte, als ich mutig aufs Gas drückte und den Sand unter die Räder nahm. Meine kleine Tochter auf dem Beifahrerersitz würde es schon richten(!) In recht engen Schlaufen wand ich mich die Düne herab, manchmal den recht langen Radstand des Pajeros verfluchend. Trotzdem ging alles gut und ich erreichte den Punkt, an dem die Düne in vielleicht fünf Meter hohen Stufen abfiel, die ich Stück für Stück nahm, bis… nur noch der sandige Rand einer weiteren Stufe vor uns lag… dahinter weiter Himmel und ferne Dünen… auf dem Boden aber klar die zwei Reifenspuren des Vorausfahrenden, die hinter dieser Stufe quasi im Nichts verschwanden…

Anhalten war bei dem teilweise recht weichen Untergrund keine Option, also munter drauf los…

Wie man sich fühlt, wenn man seinen ersten „dune drop“ macht… wie soll man es beschreiben? Mit dosiertem Gas befördert man das Vehikel über den obersten Rand einer sicher dreißig Meter steil abfallenden Düne. Wahnsinn! Auf den ersten Moment, der zwischen absolutem Grauen und Faszination liegt, folgt die Konzentration, den Wagen genau im rechten Winkel den sandigen Hang mehr herunter gleiten zu lassen, als tatsächlich zu fahren. Mit nur gelegentlichem Gas befördert die Schwerkraft die gut zwei Tonnen nach unten, wobei der herabfließende Sand ein grollendes Geräusch unter dem Gefährt erzeugt. Schon waren wir unten und man musste sich wieder durch angewehte Mini-Dünen kämpfen… geschafft! [static.landlive.de]

Erst nach längerer Zeit – es war noch eine größere Rettungsaktion nötig, bei dem auch ein Ford F-150 Raptor bis zum Bodenblech versank – waren alle 4WDs unten in der Sabkha angekommen und wir gönnten uns eine Mittagspause. Nach dem Essen und vor allem Trinken kann man nur noch lethargisch im Schatten liegen, denn auch jetzt, Ende März, erreichten die Temperaturen hier schon weit über dreißig Grad Celsius. Decke ausbreiten, an die Tochter kuscheln und ab und zu durch das Segel in die Sonne blinzeln…

Den Tag ließen wir ausklingen auf einer hohen Düne am anderen Ende der Sabkha, wo es Lagerfeuer, Gegrilltes und natürlich Getränke für die durstigen Kehlen gab. Über uns der schier unendliche Sternenhimmel – ein unvergessliches Erlebnis.

Da sich schon zu dieser Zeit das Ende meines Auslandsaufenthalts ankündigte, spekulierte ich beim Ritt über die Dünen und nach jahrelanger Enthaltsamkeit mit einem Besuch meiner finnischen Freunde im kommenden Herbst/Winter. Ob ich nach der langen Zeit in der Hitze die Kälte noch würde aushalten können?

Die Zeit rennt bekanntlich und nach aufwändiger Rückkehr im Sommer gelang es erst, für den darauffolgenden Januar 2019 ein Wiedersehen mit meinen finnischen Freunden zu planen. Schließlich kann der Temperaturunterschied (45°C in VAE, -20°C in Finnland) nicht groß genug sein… vom Sand in den Schnee… Sehnsucht!

Unwirklich kam es mir vor, als ich nun tatsächlich Anfang Jänner von Helsinki-Vantaa aus auf der E18 Richtung Nord-Westen rollte. Ein plötzlicher Wintereinbruch hatte das Land, welches auch schon längst kein Garant mehr für Schnee ist, seit kurzem fest im Griff. Minus 16°C zeigte das Autothermometer als ich mich dem ländlichen Gebiet um Loimaa näherte. Natürlich sollte gejagt werden. Ich war Teil einer kleinen finnischen Gruppe von Jägern, die auf „valkohäntäpeura“ gehen wollten, dem Mitte des letzten Jahrhunderts in Finnland eingeführten Weißwedelwild. Gejagt wurde in Form von Nachtansitzen bei Schnee sowie Drückjagden am Tage.

Für die Finnen stellt das Wild vor allem eine willkommene Ergänzung des Nahrungsspektrums dar. Ein zwei Stücke neben dem Elchwildbret, Waldhühnern, Enten und natürlich Fischen in der Truhe vermindern den Bedarf, Schweine- oder Rindfleisch im Laden zu kaufen. Dementsprechend wird das Wild eher wie bei uns das Schwarzwild bejagt. Neben Drückjagden findet der Ansitz an Wildäckern bis hin zu Fütterungen statt, von denen das Wild in diesen nördlichen Gefilden im Winter auch abhängig ist. Die saubere Entnahme des Wildes (nicht selten mittels Schuss auf den Träger) stellt das wichtigste Kriterium dar.

Glücklicherweise hatten sich meine Freunde bereits um Vieles gekümmert wie Lizenzen, finnischen Jagdschein, Leihwaffe, etc. Somit ging es gleich am Donnerstagabend nach der Ankunft rein in die warmen Klamotten und zusammen mit Markus raus auf den Ansitz. Es war bereits dunkel als wir die falunrot gestrichene Gartenhütte mit Fenster, Doppelstockbett, Auflage und Stuhl erreichten. Jenseits einer verschneiten Freifläche stand am Waldrand eine Fütterung. Die Lage bot trotz des Schnees keinen guten Kontrast vor dem schwarzen Hintergrund des Waldes. Trotzdem, jetzt hieß es warten…

Der Wind stand perfekt aber recht steif auf das Sichtfenster, so dass wir es immer wieder anlehnten, um es bei den Temperaturen überhaupt aushalten zu können. Leider fror dieses recht schnell zu und somit war in den Pausen die Durchsicht versperrt. Der erste Ansitz bestand dann auch eher aus dem geflüsterten Austausch über all die Dinge, die uns beiden jagdlich und im Leben in den letzten gut sechs Jahren widerfahren waren. Zum Beispiel war für viele Finnen die reich mit Schwarzwild bestückten Jagdgründe in Estland weggefallen: ASP… Dass am Ende auf diesem Ansitz kein Wild in Anblick kam… war gut zu verschmerzen und gut gelaunt ging es zurück in die Hütte, wo die Ankunft mit Sauna, olut (Bierchen) und einem Nachtmahl mit allen Freunden gefeiert wurde. Klar, dass ich auch wieder die Schneetaufe (nackischer Bauchplantscher nach Saunagang in den Pulverschnee) hinlegen musste. Sonst ist einem Diana ja nicht hold…

Vor dem eigentlichen Jagdwochenende (Samstag und Sonntag) waren auch schon am Freitag ein paar Triebe auf Weißwedel geplant. Zum Einsatz kamen Border Terrier und Rauhhaar-Teckel, kurzläufige Hunde also, die das Wild vor die Kette der Schützen bringen sollten. Wie bei der Jagd auf Elch ist man per Funk verbunden und die Hunde jagen mit GPS, so dass gegebenenfalls schnell reagiert werden kann. Dass das Wetter auch in Finnland Kapriolen schlägt, sollten wir heute erfahren. Plus 2°C waren es und überall tropfte es von den Bäumen. Natürlich hatte ich in Erwartung großer Kälte meine warme aber nicht wasserdichte Kombi angezogen, die aber zum Glück den Tag gut überstand. Immer diese falschen Klamotten…

Neben der interessanten finnischen Winterlandschaft und vielen verlassenen Bauernhöfen kam an diesem ersten Tag kein Wild bei uns zur Strecke. Lediglich im letzten Treiben gingen weit hinter dem letzten Jäger in der Kette ein Alttier mit Kalb über die Freifläche. Ein oder zwei Stücke Weißwedel fielen bei anderen Schützen, unsere Euphorie jedoch war am Abend ein wenig gedämpft. Schon wurde gemunkelt, dass der Jagdklub bereits in die Endphase der Bejagung eingetreten war, in der der Jagddruck noch einmal stark erhöht wird. War der Bestand schon erheblich gesenkt? Was bei den Finnen vorgeht, erfährt man nicht immer gerade heraus. Allerdings machte ich mir Gedanken, als Markus empfahl, beim kommenden Nachtansitz alles zu tun, ein Stück zu erlegen. Der Blick in eine Scheune bei den Jagdhütten und die darin liegenden Stapel gesalzener Decken und abgeschlagener Hirschhäupter sprachen ebenfalls eine eigene Sprache.

Ausgestattet wurde ich für diesen Ansitz mit einer Baikal KLB in .308 Winchester mit Schalldämpfer. Ein eigentlich noch gar nicht so altes Modell, welches aber offensichtlich gut genutzt schien und eine selbstgebaute (d.h. locker drehbare) Schaftverlängerung hatte. Darauf ein variables 3-8x50 mit Leuchtpunkt der russischen Firma Veber. Abenteuer!

Schon im Dunkeln wurde ich zu einer Hütte auf Stelzen gebracht. Diese lag direkt am Waldweg, dreißig Meter weiter vorne ebenfalls am Weg wurde eine Fütterung unterhalten. Beim Eintritt in dieses geräumige Häuschen staunte ich nicht schlecht: Bett, Gasofen, 2 Sessel aus den Sechzigern, Fenster und daneben Mini-Schubladen rechts und links. Einen Fensterriegel suchte ich vergeblich, bis mir mein Begleiter zeigte, wie das hier funktioniert. Durch das große Fenster wurde nur beobachtet, die „Schubladen“ waren verschließbare Öffnungen, durch die geschossen wurde. Hierzu wurde das Gewehr in einen ausgeschnittenen Schaumstoffwürfel gesteckt und anschließend in das Loch eingeführt, quasi fertig zum Abdrücken aber gut gedämmt. Nach ca. 20 Minuten war es uns gelungen, gemeinsam den Ofen in Gang zu bringen und das Fenster weitestgehend von Eis zu befreien. Dann wurde ich mit mir allein gelassen…

Was denkt der deutsche Jäger angesichts solchen „Jagens“? Waidgerechtigkeit? Was hier stattfindet muss wohl eher als Ernte bezeichnet werden (die Amis sagen ja auch „to harvest“), bei der das Jagdliche nach uns (zumeist) geläufiger Interpretation etwas in den Hintergrund tritt. Hier geht es nicht um Chancen-Gleichheit, sondern einzig um die Lieferung tadellosen Wildbrets. Muss man so „jagen“? Man kann…

Ich jedenfalls wollte mich an Markus‘ Rat halten und alles geben, heute Nacht ein Stück Weißwedel zur Strecke zu bringen. Um 17:30 Uhr aufgebaumt hatten wir uns zunächst auf 22:00 Uhr als Ende des Ansitzes festgelegt. Sitzen… und warten. Soweit kein allzu großer Unterschied zum Sauenansitz an der Kirrung. Nur die Nähe zur Natur fehlte mir. Die Geräusche beschränkten sich auf das leise Rauschen der Gasflamme im Ofen hinter mir. Aber auch dazu dient jagen… den Gedanken seinen Lauf zu lassen… Wie entwickelt sich das Waidwerk in Deutschland, gerade in Bayern unter der „Wald-vor-Wild“-Leitlinie? Wird auf lange Sicht ein Wild-Management an die Stelle des heutigen Revier-Systems treten? Bleifrei? Schalldämpfer? Es bleibt spannend. Mit diesen und anderen Gedanken im Kopf hielt ich durch das mittlerweile frostfreie Fenster die verschneite Natur im Blick. Vor mir lag der Weg mit der Fütterung, rechts davon Hochwald und links ein Kahlschlag über den auch Wild anwechseln konnte… Es blieb ruhig und ehe ich mich versah, kam auch schon die zehnte Stunde näher. Müde war ich aber noch nicht und so schlug ich per Whatsapp vor, noch um 1-2 Stunden zu verlängern…

Gerade erst hatte ich mich zurückgelehnt, die Augen hatten sich wieder ans Dunkel gewöhnt, als ich kurz nach zehn vermeinte, der Schatten der Fütterung sei größer geworden. In Zeitlupe ging mein Doppelglas an die Augen. Tatsächlich, zehn Meter hinter der Fütterung stand ein Stück Weißwedel spitz zu mir auf dem Weg und äugte direkt in meine Richtung. Bei allen vorangegangenen Gedanken: Jetzt erfasste es mich, eine Art Jagdfieber, plötzlich das rare Wild in Anblick. Beide blieben wir wie erstarrt, eine Situation, die viele Sauenjäger an der Kirrung schon erlebt haben. Spannend! Innerlich mich mühsam beruhigend, hielt ich das Stück im Glas. Es musste ein Alttier sein. War ein Kalb in der Nähe? Wer würde sich als erster regen? Dann geschah es: Mit einer langsamen, geradezu würdevollen Bewegung wendete das Stück, zog gemächlich auf dem Weg ein Stück am Waldrand entlang und… zog in aller Ruhe wieder ein. Ich kam nicht umhin, diesem Wild meinen Respekt zu zollen. Was hatte die Schlaue mitbekommen? Eine Bewegung? Aufgrund der kleinen Gasflamme war mein Hintergrund nicht vollständig dunkel… Erstes Wild also nach über vier Stunden vor gehabt…

Warten…

Wieder konnte ich allein meinen Gedanken nachhängen… und das muss man ja auch können, wenn man lange ausharren möchte… die Minuten vergingen mit Abglasen der Umgebung und Probeanschlägen nach Wechsel des Sessels… ein Bewegungsablauf, der ja im Falle des Falles reibungslos ablaufen musste. Der Schaft der KLB war trotz der Modifizierung viel zu kurz, der Blick durch das Zielfernrohr bedurfte also zunächst einiger Anpassungen, bis es passte… und das Licht war auch nicht immer gut, schließlich war Neumond. Als Mitternacht nahte, wollte ich immer noch nicht aufgeben und setzte die Bitte ab, noch eine weiter Stunde ausharren zu dürfen. Die Nachricht war gerade heraus, die zwölfte Stunde gerade überschritten, als wieder im gewohnten Bild aus schwarz, weiß und Grautönen eine Veränderung eingetreten war, dieses Mal auf vielleicht 15m auf dem Weg vor der Kanzel. Das Stück verhoffte und sicherte Richtung Fütterung. Ich meinte, ein Schmaltier anzusprechen. Jetzt musste es aber gelingen. Langsam wechselte ich den Sitz und ging in Anschlag. Das Entsichern à la Browning ging lautlos, langsam zog das Stück weiter, die Anspannung, genau wie oft bei Kirrungssauen, war spürbar. Endlich stellte sich das Tier richtig breit und der rote Punkt fand die Herzgegend. Langsam krümmte sich der Finger, den Druck sachte erhöhend. Mit leisem Klick wurde ein kleiner Widerstand überwunden(?!), weiterer Vorweg… dumpf klang der Knall. Der Blick durchs Feuer war aufgrund des Schalldämpfers kein Problem. Das Stück lag im Knall und die Spannung wich langsam von mir. Das war gut gegangen. Puuuh. Lag. Waidmannsheil!

So kam ich also zu meinem ersten Stück Schalenwild im Jagdjahr 2018/19. Nach kurzem Zuwarten schritt ich langsam zu meiner Beute und zog das Stück zur Ansitzhütte. Dann informierte ich Markus. Schon wenig später rollte der Wagen durch den Wald und voller Begeisterung kamen gleich vier Finnen mich abholen. Groß war das hallo und die geteilte Freude. Trotz früher Stunde musste natürlich die Tradition gepflegt werden. Das Tierkalb wurde an den Hütten sogleich aus der Decke geschlagen, aufgebrochen und in die Kühlung verbracht. Dann Sauna, Nachmahl und natürlich ein Schluck Gutes… klar, dass jetzt meine Mitbringsel auf den Tisch mussten, denn auch Markus und Sakari hatten Waidmannsheil gehabt… um kurz nach vier ging es dann in die Federn und ich war glücklich… eine Wende?

„Ein finnisches Jagdwochenende ist kein All-inclusive Urlaub auf Mallorca“. Mit diesen Worten trieb mich Markus wenige Stunden später aus den Federn bzw. den Schlafsack. Heute startete das „große Jagen“, denn viele Jäger des Klubs kamen zusammen, mehr Hunde und damit hoffentlich mehr Anblick… und vielleicht Waidmannsheil.

Schon im ersten Treiben schien mehr Leben zu sein. Hundelaut war gut zu hören und das ein oder andere mal knallte es auch. Ich stand im wunderbar verschneiten Kiefernwald nahe eines Waldweges und hatte einen Hundeführer samt Border Terrier in Anblick. Heute in wasserfester Montur mit Gummistiefeln war die Temperatur wieder auf minus 5°C gefallen. Was man auch anzieht… Es ließ sich aber gut aushalten mit der schwedischen Unterwäsche. Zur Strecke kam zunächst ein Schmalspießer. Bis Mittag war noch ein weiteres Stück gefallen, aber unsere allgemeine Annahme des bereits gesenkten Bestandes schien sich zu bestätigen. Nichtsdestotrotz ging es frisch zur Tat. Vielleicht würden Hubertus und Diana im Bunde mit dem finnischen Gott des Waldes und der Jagd – Tapio - helfen. Kurz sind finnische Wintertage und schon ging es auf zum letzten Treiben des Tages. Am Rande eines Waldstückes mit einer großen vorliegenden Feldfläche nahmen wir Aufstellung. Ich war zunächst der Annahme, dass das Treiben aus dem direkt vor uns liegenden Wald käme, bis mir Markus per Funk mitteilte, mich doch bitte umzudrehen. Das Wild war aus dem in sicher 300m Entfernung liegenden Waldstück zu erwarten. Na, dass die Weißwedel so eine große offene Fläche annahmen – ich konnte es nicht recht glauben und schloss mit dem Tag bereits ab.

Gerade einmal zehn Minuten waren vergangen als plötzlichem ein Hund laut wurde und da wechselten doch tatsächlich zwei Stücke des begehrten Wildes aus eben jenem Waldstück direkt auf Markus und mich zu. Unfassbar. Heute war ich mit Sakaris deer-killer unterwegs, einer Sako 75 in .308. Da ich den schnellen intuitiven Anschlag mit der Büchse nicht gewohnt war, nahm ich den Schaft in Zeitlupe ins Gesicht was auch gelang, ohne dass die Stücke mich wahrnahmen oder ihren Wechsel verließen. Als ich gerade ansprechen wollte, knallte es neben mir auch schon. Sogleich nahmen die Weißwedel deutlich Fahrt auf, ich sprach Tier und einen nachfolgenden geringen Hirsch an, fuhr auf diesem intuitiv mit und als ich circa eine Tierlänge vorne lag brach der Schuss. Eine Sekunde später waren die Stücke durch die Kette und in den Wald gewechselt. Ich repetierte und wendete. Das Tier verschwand in den Tiefen der Kiefern, der Hirsch aber verhielt hinter einem Baum mit leicht gesenktem Haupt. Der hatte Schuss. Sogleich nahm ich den nur sichtbaren Träger, der auch noch von einigen Zweigen verdeckt wurde, ins Visier. Rumms. Kein Zeichnen. Erneutes Repetieren, während das Stück ein wenig vorzog und erneut, wenn auch immer noch hinter einigen Zweigen, verhoffte. Blatt gefasst und Funken gerissen. Im Knall zog das Stück weiter und ich vermeinte noch, gesehen zu haben, dass das Stück schweißte. Erst jetzt realisierte ich wie aus einem Traum, dass mich Markus die ganze Zeit per Funk aufgefordert hatte, weiteres Schießen zu unterlassen in der Annahme, dass der Hirsch bereits gut getroffen sei. Mir rauschte es im Kopf ob des gerade Erlebten. Lag das Stück? Markus wollte es klären, machte Ansage und schritt in den Wald zur Stelle, wo wir den Hirsch zuletzt gesehen hatten. Und dann, in dieses fast taube Gefühl hinein der Spruch über Funk: „Yes, there is a deer here!“ Das durfte doch nicht wahr sein. Hatte ich gerade wirklich einen Hirsch erlegt? Immer noch halb in Trance stolperte ich in den Wald, überwand zwei breite Entwässerungsgraben und war wenig später bei meiner (?) Beute. Natürlich stand die Frage im Raum, wer den tödlichen Schuss abgegeben hatte. Markus meinte, zu weit vorne abgekommen zu sein, also vorbeigeschossen zu haben. Zu sehen war zunächst eine Einschusswunde auf meiner Seite Blatt sowie ein Ausschuss weich. Somit standen alle Zeichen auf mich als Erleger. Wie lagen wir uns in den Armen. Wie unwahrscheinlich schien jeglicher Erfolg. Noch einmal: Unfassbar!

Natürlich mussten Fotos geschossen werden, natürlich war der Trubel groß. Dann aber packten wir an. Gürtel aus der Hose, um den Träger und los mit drei Mann. Ein Hindernis stellte der im Wald liegende, tiefe und vereiste Entwässerungsgraben dar, von dem Markus meinte, das Eis würde nicht tragen. Ich musste es natürlich trotzdem ausprobieren… Endlich hatte ich einmal das Richtige an, denn die moorige Brühe schwappte nur ein wenig in die hochschäftigen Gummistiefel! Dass ich dann noch während der weiteren Bergung mein Smartphone verlor, welches wir erst kurz vor dem Dunkel-Werden wiederfanden… das ist eine andere Geschichte… muss aber wohl sein, damit einem dieser Tag wirklich in Erinnerung bleibt…

Mit großer Freude ging es zu den Hütten. Beim Aus-der-Decke-schlagen dann die Klärung: Das Stück hatte zwei Schüsse. Mein erster Schuss war weich gegangen, erst der letzte Schuss hatte trotz der Zweige das Blatt gefunden, war aber vorher aufgesplittert. Einen Ausschuss gab es hier nicht. Gut jedenfalls, dass ich weiter geschossen hatte. Das ganz große Feiern musste leider ausfallen, da ein Jagdfreund zu Hause Probleme hatte und darum „meine“ Finnen an diesem Samstagabend bereits abreisen mussten. So wollte ich das Erlebte auf einem letzten Nachtansitz nach-degustieren und noch einmal durchleben. Dieses Mal wurde mittels eines Gaskochers geheizt – also quasi mit offenem Feuer… Abenteuer Finnland. In Anblick kam kein Wild, was ich aber gut verkraften konnte. Man hatte es bereits so gut mit mir gemeint…

Nach der recht frühen Heimkehr ging das Feiern mit dem Leiter des Jagdklubs, Sohn Samu, Onkel Vesa und einigen anderen weiter, alle um die 1,5L Flasche Jägermeister versammelt. Allzulange blieb ich aber nicht. Denn als der Chef erfuhr, dass mein Flieger erst am Sonntagabend gehen würde war klar: „Morgen gehst Du noch einmal mit!“ Er versprach mir einen Stand an einer Stelle, wo ein älterer Achtender wechseln würde. Ich grinste mir einen und „kippis“(finn.: Prost)!

Auch am Sonntagmorgen war reger Betrieb an den Hütten. Ich wurde Onkel Vesa anvertraut, der seine Baikal KLB übernahm während ich nun die dritte Waffe an diesem Wochenende in die Hand bekam. Eine Match-Tikka in .308 mit Schalldämpfer. Recht schwer aber sie lag mir gut. Weißwedel – wollt ihr ewig leben? Natürlich versprach ich mir nicht mehr allzu viel, hatte bereits alles in den kleinen Leihwagen gepackt und war bereit, gleich weiter nach Helsinki zu fahren. Im ersten Treiben hatte ich großartige Sicht auf einen Kahlschlag. Links im Wald schlugen auch mehrere Hunde an, anscheinend ging die Jagd aber von uns weg. Dann hieß es ein wenig weiter pirschen, sich umdrehen und das Wild aus der anderen Richtung erwarten. Vesa hatte anscheinend seine Anweisungen über Funk erhalten. Ich genoss sie noch einmal, die wunderbare finnische Schneelandschaft. Der Beutetrieb war abgeklungen, ich war zufrieden. Plötzlich kam Vesa auf mich zu. Angeregt sprach er über Funk, dann hieß es los zu den Autos. Nach 300m Waldweg hieß es plötzlich anhalten, aussteigen und auf dem Weg zurück pirschen. Nach 100m wurde ich abgestellt und Vesa ging in weiteren 100m Entfernung ebenfalls in Stellung. Schnell sondierte ich die Lage. Am linken Wegesrand lag ein verschneiter Haufen Grabenaushub. Der wurde erst einmal zwecks besserer Sicht erklommen. Denn von rechts des Weges sollte das Wild anwechseln und hier fiel das mit Altkiefern bestandene Gelände leicht ab, um nach vielleicht vierzig Metern in eine Fichtendickung überzugehen. Still war es im Wald und aus Gewohnheit wollte ich noch schnell einen Probeanschlag machen… aber… was war denn das? Im Anschlag gewahr ich beim Blick durch’s Rohr genau vor mir zwischen den Fichten ein Stück Weißwedelwild. Das konnte doch nicht sein! Unglaublich. Sogleich ging die Sicherung nach vorne und die potenzielle Beute wurde nicht mehr aus den Augen gelassen. Immer wieder verhoffend wechselte das Stück näher und langsam in den Hochwald. Jetzt stand es spitz von vorne und auf dem Haupt waren kleine Stuppen zu erkennen – ein Schmalspießer. Einer Eingebung (und Markus‘ Ratschlag) folgend setzte ich dem Stück die Kugel auf den Stich. Den Knall hat es nicht mehr gehört.

Wieder stand ich im urigen finnischen Forst und konnte nicht glauben, wie mir dieses Stück soeben ins Absehen gewechselt war. Sogleich gab ich Meldung und die allgemeine Freude war groß. Vesa und ich erreichten das Stück zur gleichen Zeit, schnell waren auch weitere Jäger dabei. Wild wurde gestikuliert, diskutiert, ich verstand nicht viel und freute mich nur dieser unverhofften Beute. Beim Aufbrechen verstand ich dann den Trubel. Der Spießer hatte bereits einen Schuss weich erhalten. Der Führer eines Kurzhaarteckels war der Fährte nachgehangen. Das Gespann erreichte uns Minuten später. Jetzt war die Freude noch größer. Wieviel mehr war die Erlegung dieses jungen Hirsches wert gegenüber dem angekündigten Achtender… was ein Abschluss, was eine Freude…

Nach einem letzten Treiben rollte ich am Mittag auf einsamen vereisten Straßen durch die finnische Landschaft. Solche Erlebnisse – vor allem wenn so unerwartet – kann ich oft nicht so schnell verarbeiten. Ich war wieder Teil einer finnischen Jagdgruppe geworden, hatte alles hautnah miterleben dürfen, Tradition und finnisches Waidwerk der anderen Art… noch heute bin ich davon erfüllt. Waidmannsdank!
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swinging_elvis

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Kommentare

08.02.2019 10:00 Kija
Größer konnte der Kontrast ja kaum werden - super geschrieben
08.02.2019 10:26 WildeBiene
Waidmannsheil
08.02.2019 15:01 swinging_elvis
Kija schrieb:
Größer konnte der Kontrast ja kaum werden - super geschrieben

Waidmannsdank lieber Kija!
08.02.2019 15:01 swinging_elvis
WildeBiene schrieb:
Waidmannsheil

Und Waidmannsheil
11.02.2019 10:24 vierfuessler
Zwischen Sand und Schnee hattest Du aber Matsch an den Steifeln!
11.02.2019 13:22 swinging_elvis
vierfuessler schrieb:
Zwischen Sand und Schnee hattest Du aber Matsch an den Steifeln!

Recht hast Du... quasi der erste Schritt aus dem Flieger!!! Grüße!!!
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