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24.01.2017, 21.10 Uhr

Meine erste Wutz...

Ich hatte den ersten Jagdschein noch gar nicht richtig abgeholt, da stand ich schon in der Tür des Büros des Revierförsters. Ein Arbeitskollege, der mir auch ein guter Jagdfreund wurde, hatte mich ermutigt.
Der Revierförster war von altem Schrot und Korn. Ein ruhiger Geselle, der mit seiner Sachlichkeit und seinem freundlichen, wenn auch etwas reserviertem Wesen gleich einen guten Eindruck auf mich machte. All meine Aufregung fiel von mir ab. Im Büro des Försters fühlte ich mich gleich heimisch. Es erinnerte mich enorm an das Büro meines Vaters in unserem Forsthaus, der ebenfalls Revierförster war. Irgendwie schien es mir, als wären diese Büros alle gleich ausgestattet, zeigten alle die gleiche kreative Unordnung, die eigentlich nur deshalb entstand, weil die Bürotätigkeit den Förstern eher eine lästige Pflicht war. Zusammengerollte Forstkarten lagen da auf dem Schreibtisch, ein Holzaufnahmebuch... Ich erinnerte mich sofort daran, wie ich als Kind für meinen Vater im Holzaufnahmebuch mit der Kubiktabelle die Festmeter der Stämme ermittelte, die wir gemeinsam vorher im Wald aufgemessen hatten. Wie oft war ich mit ihm auf seinem Dienstmotorrad in´s Revier gefahren, hatten die Holzschläger besucht, hatten zahlreiche Waldbrandkontrollen in den trockenen Kiefernwäldern der Heide unmittelbar neben dem Truppenübungsplatz der Sowjetarmee gemacht... Sehnsucht überfiel mich, Melancholie und ein Stück weit Traurigkeit.
Als ich 12 Jahre alt war, verlor ich meinen Vater. Nein, nicht durch Krankheit, nicht durch einen Autounfall. Er starb im Wald, das FLG des Nachbarschützen bei einer Drückjagd nahm ihn mit sich - ein Verlust, den ich lange Zeit nicht verkraftete. Jagd war für mich danach für viele Jahre kein Thema.
Meine Entscheidung zum Forststudium - letztlich war dies doch mein Wunschberuf - änderte etwa 15 Jahre später meine Einstellung, infizierte mich wieder mit dem Jagdvirus, das - wenn ich so recht darüber nachdachte- mich nie wirklich losgelassen hatte. Dessen wurde ich mir jetzt bewusst.

Der Revierförster ließ mich in Ruhe mein Anliegen vortragen, schwieg weitgehend. Als ich dann mit meinen Ausführungen am Ende war, begann er mich sehr rücksichtsvoll aber hartnäckig zu löchern. Ihn interessierten meine inneren Beweggründe, jagen zu wollen. Und ich erzählte ihm meine Geschichte...

Eine Stunde später waren wir im Revier und er zeigte mir, wo ich künftig dem Wild nachstellen durfte. Wir saßen auf einem Baumstamm, schwiegen uns eine ganze Weile an - und niemandem von uns war es auch nur ansatzweise peinlich. Ungeduld konnte ich beim Revierförster auch nicht erkennen, wofür ich in meiner Euphorie über die erstandene erste eigene Jagdgelegenheit sehr dankbar war. Ich sah mir praktisch jeden Baum genau an, suchte nach Wechseln und überlegte, wo ich einen Hochsitz hinstellen könnte... Dabei bedurfte es für sinnvolle Maßnahmen doch erst mal eines ausgedehnten Revierganges, den ich am nächsten Tag unternehmen wollte. Heute aber waren solche erste Überlegungen erst einmal nur der Blitzableiter für meine Freude...

Ein paar Tage später hatte ich meinen ersten eigenen Hochsitz gebaut, eine Kirrung eingerichtet, die ich täglich kontrollierte. Und - für mich kaum zu glauben- diese war schon wenige Tage später angenommen. Der Mond war noch nicht halb voll, als ich den ersten Ansitz wagte. Mein Körper war so mit Adrenalin geflutet, dass ich den ganzen Abend förmlich unter Strom stand. Zwar genoss ich diesen ersten Ansitz, aber ob ich zum Handeln in der Lage gewesen wäre, weiß ich heute nicht. Gegen 22:00 Uhr war der Mond verschwunden. Ich aber saß noch immer. Und obwohl ich nichts mehr sehen konnte, blieb ich sitzen und lauschte blind in die Nacht. Gegen 23:30 wurde es im Wald vor mir unruhig. Zwar hatte ich bisher immer mit meinem Bruder angesessen und konnte mich immer auf ihn verlassen, wenn es darum ging, Geräusche zu identifizieren, Wild danach anzusprechen, wie es durch den Wald zog. Aber an diesem Abend war ich mir sicher, dass dort Sauen kamen.
Wenige Minuten später standen vor mir an der Kirrung untrüglich Sauen im Gebräch. Sehen aber konnte ich absolut nichts. Und dennoch packte mich an diesem Abend das totale Jagdfieber. Ich zitterte wie Espenlaub und hatte Angst, dass die Sauen mich trotz all meiner Bemühungen doch mitbekommen würden. Natürlich habe ich nicht mal einen Versuch unternommen, die Waffe auch nur in Anschlag zu bringen. Wenn schon mit dem 7x50 von Zeiss nichts zu machen war, was sollte ich da mit dem 6x42 auf meinem alten 98er ausrichten wollen! Aber egal - sie waren da und ließen sich nicht stören...
Zwei Stunden später war ich mir sicher, dass die Sauen weg waren. So baumte ich ab und fuhr noch immer überwältigt nach Hause.

Zwei Tage später versuchte ich es bereits wieder. Mein Kollege hatte einen benachbarten Pirschbezirk zugewiesen bekommen. Und da er schon damals über ein recht geländegängiges Fahrzeug verfügte, holte er mich zu Hause ab. Rechtzeitig setzte er mich an meiner Kirrung ab und fuhr noch zweihundert Meter, um sich ebenfalls am Graben, der sich durch den Wald schlängelte und auch bei mir vorbeifloss anzusetzen.
Das Wetter war perfekt. Der klare Himmel bot dem Halbmond Gelegenheit, die Bühne vor mir zu erhellen. Erfreulicherweise war die am Graben liegende Lichtung vor mir so ausgerichtet, dass auch der tief stehende Halbmond die Bühne noch erleuchten würde.
Ein Waldkauz war sehr neugierig, wollte auf der Brüstung der Leiter aufbaumen. Meine Anwesenheit störte dann wohl doch. Also setzte er sich in eine benachbarte Erle und schimpfte mit mir. Ich sah es ihm nach und lauschte angestrengt in die Nacht.

Das Knacken eines Zweiges hinter dem Graben ließ mich aufhorchen. Natürlich hoffte ich, dass sich dort Sauen nähern. Aber dafür waren die Geräusche zu leise. Sie mussten von kleinerem Wild stammen. Mit dem Fernglas leuchtete ich immer wieder einen in der Nähe den Graben querenden Wechsel ab. Erkennen aber konnte ich nichts. Langsam wurde ich wieder ruhiger, lehnte mich zurück und hoffte, dass hier doch noch Bewegung in´s Geschehen kommt, bevor der Mond weg wäre.

Mit meinem Kollegen hatte ich vereinbart, dass er mich gegen 23:30 Uhr abholt. Bis dahin hatte ich ja noch Zeit. Und ich hoffte...

Aber abgesehen vom Waldkauz, der immer wieder an meinem Hochsitz vorbeischaute und mit mir schimpfte, blieb es zunächst ruhig. Langsam kehrte auch bei mir eine innere Ruhe ein, die ich nun genoss. Der Mond war ordentlich vorangekommen. Die Schatten der Erlen wurden erschreckend lang. Und als ich schon nicht mehr daran glaubte, knackte es abermals im Wald hinter dem Graben. Und ja, das waren jetzt ganz sicher Sauen...! Nicht wirklich vorsichtigt näherte sich die Rotte dem Graben. Aber statt ihn zu durchrinnen, zogen sie nach Süden weg. Das durfte jetzt aber nicht wahr sein! Aber es blieb dabei. Erste etwa 100 Meter weiter bachaufwärts hörte ich schließlich das verräterische Platschen der Sauen, die dort offensichtlich den Graben querten. In diesem Moment hörte ich nördlich von mir eine Autotür klappen. NEIN! Nicht jetzt!!!
Die Sauen nahmen nun doch offenbar den Weg zu Kirrung vor mir. Zügig trollten sie heran. Zunächst konnte ich sie zwischen den Erlen nur hören. Und so, wie die Sauen sich der Kirrung von Süden her näherten, kam mein Kollege mit seinem Auto ganz langsam von Norden her gefahren, um mich abzuholen. Wer würde wohl schneller bei mir sein?

Schon standen die Sauen offebsichtlich auf Höhe der Kirrung zwischen den Erlen. während das Standlicht des Pkws durch die Erlen schien und sich langsam näherte.
Mein Repetierer war längst im Anschlag, als sich ein Frischling auf die Kirrung schob...
Im Knall war die Bühne leer und einen Bruchteil einer Sekunde später klappte die Tür des Pkw beim Öffnen. Ich hatte mein Zeug zusammengepackt und baumte ab. Mein Kollege kam mir entgegen: "Na? Tote Hose auch bei dir...?" - "Nööö!"

Dass ich einen Frischling beschossen hätte, wollte er mir nicht glauben. Ich aber zitterte vor Jagdfieber - jetzt, wo ich abgebaumt war... Erst nachdem ich meinen Kollegen mehrfach aufforderte, mir zu folgen, setzte er sich langsam in Bewegung. Der Frischling lag am Rande der Erlen. Ich musste mich setzen und das Geschehen erst mal verdauen. Mein Jagdfreund setzte sich neben mich. Ich weiß nicht, wie lange wir dort saßen, aber wir genossen es. Langsam fiel das Jagdfieber von mir ab, ich wurde ruhiger.

Als wir später den versorgten Frischling in der Revierförsterei ablieferten, ging irgendwann im Haus Licht an und der Revierförster kam zu uns. Nachdem ich seine Frage nach dem erfolgreichen Schützen beantwortete, ging er zu einer jungen Fichte und kam mit einem Bruch wieder. Das Weidmanns Heil, das er mir wünschte, kam unzweifelhaft von ganzem Herzen. Überschwengliche Freude sah bestimmt anders aus. Aber einem Vorpommern darf man schon Überschwenglichkeit attestíeren, wenn sich seine Mundwinkel beim Weidmanns Heil leicht verziehen.

Als mein Kollege mich später zu Hause absetzte, musste ich erst mal noch ganz in Ruhe alles verabeiten. Neben meinem Anfängerstolz auf meine erstes selbst gestrecktes Stück machten sich wieder die Gedanken an meinen Vater breit. Erhatte mich geprägt. Unzählige Male nahm er mich mit in den Wald, am Tage, abends, morgens und auch nachts. Und ich war ihm, wie auch meinem Bruder, der einige Jahre älter als ich nach dem Tod meines Vaters das fortführte, was mein Vater für mich begann dankbar.

Von diesem Tage an stand für mich fest, dass die Jagd trotz des Verlustes meines Vaters durch eben die Jagd künftig wieder eine wichtige Rolle spielen würde. Und das konsequent, als Revierpächter. Für mich war und ist Jagd dabei niemals nur das Bemühen um Strecke auch wenn das ein durchaus wichtiger Teil ist. So habe ich es durch meinen Vater wie auch meinen Bruder kennengelernt. Und so werde auch ich es weiter handhaben...
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Rapsjaeger

Rapsjaeger

Alter: 52 Jahre,
aus Rapsfeld

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Kommentare

25.01.2017 07:44 montero
Seinen Vater so zu verlieren, was für eine tragische Geschichte! Ich denke, er würde sich freuen, dass Du Jäger geworden bist.
Toll geschrieben!
Mein Vater war auch bei der Forst und ich durfte mein erstes Stück Schwarzwild mit ihm zusammen strecken.
So etwas vergisst man nie.
Wmh, montero
25.01.2017 09:18 Ammerlaender
Danke!
25.01.2017 09:37 Oecher
Toll geschrieben,von vorne bis hinten!
Ich habe nichts überflogen oder quergelesen!
Man merkt, die Jagd gehört essentiell zu deinem Leben.

Bleib so!

Gruß

Oecher
25.01.2017 17:39 Kija
26.01.2017 21:35 WiednerDerSteirer
>>> besser kann man Jagd nicht schildern wunderbar
28.01.2017 12:10 ROS
Ich bin beeindruckt! Auch ich stamme aus einer uralten Jäger,- und Försterfamilie und je älter ich werde umso bewußter wird mir, wie wichtig diese Tradition für mich und mein persönliches Leben sind. Wie dankbar wir sein können von unseren Altvorderen die Grundsteine für unser Leben, nicht nur das jagdliche, gelegt bekommen zu haben.
Und so versuche ich es meinen Nachkommen weiterzuvermitteln.
Es macht mich ein wenig stolz wenn wir mit drei Generationen gemeinsam jagen....
03.02.2017 14:17 swinging_elvis
Tiefgründig... Danke dafür!
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