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Geschichten von draussen

Sammelsurium von Jagderlebnissen (3 Einträge)

749 mal angesehen
20.01.2017, 10.59 Uhr

Bequem vs Unbequem

Der Winter hat unser Revier seit Wochen fest im Griff. Schnee in Hülle und Fülle, geweht teilweise übermannshoch und Temperaturen nachts unter -20° sind auf der Kammlage nichts aussergewöhnliches. Ungewöhnlich aber die trotz eisiger Kälte angenehmen Nächte ohne Wind seit ein paar Tagen. Da zieht´s den Jäger unweigerlich hinaus.

Heute - bei dem "Bombenwetter" - habe ich mir frei genommen. Strahlend blauer Himmel, glitzernde Pulverschneeauflage, einfach herrlich! Ich lasse mein Auto auf der für den Verkehr zwar noch gesperrten, provisorisch freigefrästen Straße auf dem Hochplateau stehen und mache mich mit meinem vierbeinigen Freund auf den Weg, ein paar Wechsel zu kontrollieren. Unser Weg wird uns vier Kilometer durch teilweise hüfthohen Schnee über Felder in ein bewaldetes Tal führen, ziehmlich nah an der Grenze zu unserem netten Nachbarn. Und "nett" ist hier nicht zynisch gemeint. Wir kommen wirklich prima miteinander klar.

Irgenwann sehe ich den Angestellten meines Nachbarn mit großem Allrad-Traktor und Schiebeschild in dessen Wald hineinfahren, seine tägliche Kirrunde erledigen. Wir kirren nicht. Wir haben mit dem Rotwild auf den vielen Rapsschlägen genug zu tun. Ausserdem ist es uns mangels geeigneter Technik nicht möglich, bei diesen Verhältnissen die Kirrungen regelmäßig zu bestücken und viel weniger noch, diese auch zu wirklich effektiv zu bejagen ( - Kirren ohne Bejagung ist nichts anderes als Füttern). Wobei, beides ginge natürlich. Wir scheuen uns nicht, per Pedes bzw. per Ski die Wege zu nehmen. Nur das Bergen ist in den entlegenen Ecken, weitab von Straßen und Wegen mit unseren Möglichkeiten ein Graus.

Ich finde, was ich gesucht habe und schmiede einen Plan für diesen Abend. Auf jeden Fall muss die große Bergeplane mit und ein Bekannter mit supertollem Schneemobil für eventuelle Bergehilfe vorgewarnt werden. Letzter ist leider auf Montage. Egal. Mich zieht es hinaus.

Gegen 18 Uhr sitze ich etwa 1,5 Kilometer von der Straße entfernt und genieße die herrliche Ruhe. Der Schnee dämpft jegliche Geräusche. Selbst die manchmal (obwohl ca. 1km entfernte) Autobahn ist heute nicht zu vernehmen. Wunderbar!

Aus der großen beheizbaren Kanzel des Nachbarn kann ich, obwohl sie fast einen Kilometer entfernt steht Rauch senkrecht aufsteigen sehen. Wirklich selten: Kein Wind hier oben. Und das erste mal am heutigen Abend werde ich etwas neidisch. Etwas vom beschwerlichen Anmarsch durchgeschwitzt sitze ich nun bei unter -10° Celsius. Ohne Heizung, versteht sich.

Es dauert nicht lange, bis ein Schuss die Ruhe stört - Weidmannsheil, lieber Nachbar.

Etwa eine halbe Stunde später sehe ich dann zum zweiten Mal an diesem Tag den großen Traktor mit Schiebeschild und diesmal mit Lademulde in den Wald hinein- und nach circa einer Stunde hinausfahren. "Mann, hat der es bequem!". Später erfahre ich, dass er an seiner Kirre einen strammen Keiler erlegen konnte. Es kommt wieder etwas Neid auf. Nicht wegen dem Jagderfolg des Nachbarn, nur wegen der Bergetechnik.

Und es kommt, wie es kommen muss: Etwa drei Stunden später, die Uhr zeigt fast halb elf, gelingt es mir, aus einer kleinen Rotte einen 30kg-Frischling zum Bleiben zu "überreden". Das Aufbrechen und Bergen kostet nochmals unendliche drei Stunden und gefühlt zehn Liter Schweiß - echten "Schweiß", nicht den aus der Weidmannssprache. Auch kostet es mich eine Unmenge an Nerven. Wohl hundert mal muss ich an den Traktor des Nachbarn denken - leider bin ich nicht Geschäftsführer eines großen Agrarbetriebes. Meine "Ehre" und der Blick auf die Uhr verbieten einen Anruf bei ihm mit der Bitte um Hilfe.

Irgendwann kurz vorm berufsbedingtem Aufstehen meiner Frau schiebe ich mich neben sie in unseren "Kessel" ein. Der Versuch des Einschlafens wird mir durch viele Gedanken an die vergangene Nacht erschwert. Wie "schön" hat es doch mein Nachbar: Er kann über geräumte Wege an seine beheizte Kanzel und bestückte Kirrung fahren, kommt ohne stundenlanges Frösteln recht Rasch zum Jagderfolg und kann bequem und zügig mit schwerer Technik seine Strecke bergen.

Zum späten Frühstück - Frau und Kinder sind längst auf Arbeit bzw. in der Schule - grübele ich schon wieder darüber. Und mit etwas Abstand betrachtet stelle ich mir selbst die Frage: Wer hat von der gestrigen Nacht mehr mit nach Hause genommen - mein Nachbar oder ich? Im Sinn habe ich nicht das Wildbret oder gar die Trophäe. Nein. Das Erlebnis meine ich.

Was hat mein Nachbar zu erzählen? Im Telegrammstil vielleicht: "Keiler auf Wildkamera heute Vormittag von Helfer entdeckt. Ansitz in warmer Kanzel am Kirrhaufen. Keiler kommt. Bumm - um! Bergen ging schnell mit Traktor."?

Und dann bin ich wieder froh über die Anstrengungen des Abfährtens gestern und der Entbehrungen bei Jagd und Bergen letzte Nacht. Keine Heizung, keine Kirrung, kein Traktor - dafür 100% Erlebnis pur! Das ist doch das, was die Jagd ausmacht, oder?

Wie seht ihr das?

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Hasan

Hasan

Alter: 42 Jahre,
aus dem Wald

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Kommentare

20.01.2017 11:11 swinging_elvis
Es steht für mich außer Frage, dass alles, was man sich mit Mühe erkämpft hat stets einen höheren persönlichen Wert hat als das was einem leicht zufällt... Wie überall im Leben. ..
Was nicht heißt dass ich nicht im tiefen finnischen Forst auf Elch gelegentlich das Quad oder gar den Traktor zu schätzen wusste... el
20.01.2017 11:15 Heide_Unterfranken
Waidmannsheil! Ich schätze gut funktionierende Kirrungen, ich darf zum Glück an einer jagen Aber geschlossene, womöglich beheizte Kanzeln gibt's in meiner Welt auch nicht
Pur bleibt immer besser im Gedächtnis, das ist Fakt
20.01.2017 18:34 Rapsjaeger
Weidmanns Heil! Und das aus ganzem Herzen... Klar, wenn man sich quält, wünscht man sich des Nachbars Möglichkeiten. Aber mir geht es oft so, dass ich im Nachhinein Freude vor allem deshalb empfinde, weil trotz aller Schwierigkeiten und Bergequälerei ein Jagdabend in jeder Hinsicht erfolgreich endete...
Ob ich deine Verhältnisse dauerhaft durchstehen würde, weiß ich nicht. Aber vom flachen Inselrerevier aus gesehen beneide ich dich gerade jetzt im Winter um solche schneesicheren Gerbirgssauenansitzabende schon ein wenig...
Gruß von der Küste!
20.01.2017 21:24 montero
Der wahre Vollblutjäger nimmt den unbequemen Weg! Hat auch den Vorteil, dass es dazu beiträgt, fit zu bleiben.
Danke für das Aufschreiben und Einstellen der erlebten Jagd.

Weidmannsheil, montero
21.01.2017 07:15 WildeBiene
Waidmannsheil
Ich denke, dass deine Freude über Beute unter diesen Bedingungen weitaus nachhaltiger ist und sich das Gefühl, erfolgreich gejagdt zu haben, besser anfühlt. So gehts zumindest mir....das was ich mir wirklich mühsam erarbeitet habe, bleibt doch tiefer in Erinnerung
21.01.2017 14:21 tschortwosmij
Kommt drauf an, wie hart er sich den Traktor und die Kanzel erarbeitet und vom Munde abgespart hat. Die Freude über eine funktionierende Erleichterung hat auch was.
21.01.2017 15:57 sau_hund
......da sind zwei Extreme beschrieben. Wenn einem das Alter oder sonstige Gebrechen die sportliche Möglichkeit stehlen sieht Alles anders aus, da geht es um "weiter Jäger sein oder nicht sein"
21.01.2017 20:36 ZH-7x57
Weidmannsheil !Dafür hat man Jahre lang die Erinnerung an die Mühe.Im Schnee ist es ja noch etwas leichter.... Danke für das Einstellen, weiterhin viel jagdlichen Erfolg ,ohne so einer Schinderei.
22.01.2017 20:08 WiednerDerSteirer
jeder wie ER meint >>> Aber <<<Warum sollte man es sich nicht leichter machen ???
22.01.2017 20:11 WiednerDerSteirer
Heide_Unterfranken schrieb:
Waidmannsheil! Ich schätze gut funktionierende Kirrungen, ich darf zum Glück an einer jagen Aber geschlossene, womöglich beheizte Kanzeln gibt's in meiner Welt auch nicht
Pur bleibt immer besser im Gedächtnis, das ist Fakt



Warum sollte man sich unnötig der Kälte aussetzen >>> ist auch in einer geschlossenen Kanzel noch kalt genug >>> und ein Metallrohr mit einer Kerze kann da schon etwas anmildern
23.01.2017 07:20 Heide_Unterfranken
WiednerDerSteirer schrieb:
Warum sollte man sich unnötig der Kälte aussetzen >>> ist auch in einer geschlossenen Kanzel noch kalt genug >>> und ein Metallrohr mit einer Kerze kann da schon etwas anmildern


Die einen bauen Jagdmöbel, die andern gehen jagen. Davon ab, dass es nicht mein Revier ist: Wohnzimmer-Simulation brauch ich beim Jagen nicht. Jede andere Erleichterung gerne.
23.01.2017 09:48 Hasan
Weidmannsdank an alle!

Nicht, dass es missverstanden wurde: Ich gönne meinem Nachbarn dessen Erleichterungen sehr wohl. Auch hat er sich die Möglichkeiten selbst erarbeitet.
23.01.2017 10:42 Ammerlaender
Ich möchte nicht mit deinem Nachbarn tauschen. Dir ein dickes Waidmannsheil.. !!
23.01.2017 13:38 Sucher
Wenn man die Möglichkeiten hat kann man sie auch nutzen.
Ein Bekannter von mir hat ein Ski-doo
Der lacht uns jetzt alle aus.
25.01.2017 00:05 Gangloff
Weidmannsheil!
Gut erzählt und aufgeschrieben.
An die leichte, bequem in den Schoss geworfene Beute erinnere ich mich jetzt kaum mehr aber die
schwer erjagten Stücken und die geleisteten Mühen sind mir im Gedächtnis geblieben.
Jäger aller Zeiten wurden nie nach der Größe und Stärke ihrer Strecken beurteilt sondern immer danach wie sie diese gemacht haben.
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