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Vergangenheit

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744 mal angesehen
18.01.2016, 11.33 Uhr

Der Unberechenbare

Es war Anfang der 90’er. Den West-Jägern hatte sich mit der Öffnung der Grenze ein ungeahntes Jagdparadies im Osten eröffnet. Zu dieser Zeit hatte meine Familie ihr Revier im Bitburger Raum aufgegeben und mein Vater – immer schon Freund von naturnahem und ruhigem Jagen – gedachte die östlichen Gefilde zu ergründen. Dabei zog es ihn vor allem nach Thüringen in den Bereich des Thüringer Waldes.

Zu dieser Zeit immer noch „Jagdgehilfe“ war ich angehalten, zunächst die Ausbildung zu beenden und war zu dieser Zeit noch nicht im Besitz des grünen Abiturs. Allerdings war meine jagdliche Neigung in den vielen Jahren als Mitgeher im familiären Revier derart gewachsen, dass ich zum regelmäßigen Begleiter meines Vaters geworden war – so auch hier!

Nach Vorarbeit, Planung und Kontaktierung verschiedener Forstämter war endlich ein Ort ausgemacht, wo man sich auf eine bescheidene Jagdgelegenheit auf Rehbock und Schwarzwild einigen konnte. Für uns, die wir ansonsten stets den gleichen Weg von NRW in Richtung Bitburg fuhren, war er Aufbruch nach Thüringen schon eine kleine Sensation und mit entsprechenden Erwartungen verbunden.

In gleichem Maße, wie wir neugierig aus dem Wagen die sich ändernde Natur anschauten, genauso neu war das geplante Jagen in einem reinen Waldrevier für uns, wir, die ansonsten an ein Feldrevier mit einigen eingestreuten Wäldchen gewöhnt waren. Natürlich war unsere Phantasie beflügelt und im Geiste sahen wir schon die Rotten am Wegrand brechen und den roten Bock durch den spätsommerlichen Laubwald ziehen.

Die Unterkunft erfüllte all unsere Erwartungen. Wir kamen in einer kleinen Dorf-Pension unter, die auch sogleich die Dorf-Kneipe beherbergte. Umliegend nichts als Wälder, Felder und Wiesen. Beim Blick aus dem Fenster schienen sich die kleinen Häuschen und Höfe in die Landschaft zu ducken… eine einsame Hochleitung schickte den Strom in dieses entlegene Örtchen – alles genau nach unserem Geschmack. Genauso (eichen-)rustikal wie die Unterbringung war auch das Essen, reichlich und preiswert– so muss das sein.

Im nächstgrößeren Ort trafen wir dann alsbald den Förster, der sich eher distanziert zeigte. Nichtsdestotrotz wies er uns in das Revier ein uns zeigte uns Hochsitz und Wechsel. Die Jagd konnte mit einem Abendansitz beginnen.
Und so machten wir unsere ersten Erfahrungen in einem Waldrevier. Saßen wir ursprünglich immer an der Wald-Feld-Kante mit weitem Ausblick, so war man hier auf einen Weg oder eine Schneise begrenzt. Zeigte sich aufgrund des einstigen Weitblicks stets Wild, und seien es Tauben oder ein Dachhase, so war hier ein Ansitz nicht selten ganz ohne Anblick. Eine im ersten Moment frustrierende Erfahrung. Mein Vater hatte zumindest nach dem ersten Abendansitz beim Abbaumen das Schrecken eines abspringenden Stückes Rehwild vernommen, na immerhin schien Wild da zu sein.

Das konnte uns aber nicht abhalten, nach einem deftigen Abendessen auch einmal den lokalen Gerstensaft zu verkosten. Auch der Jäger muss ja leben… und umso tiefer und wohliger sinkt man in die dicken Federbetten…

Rasseln des Weckers, Katzenwäsche und schon ging es wieder los. Ich wurde schnell an einer Leiter am Waldweg heraus gelassen, mein Vater begab sich wieder in die Nähe des vermuteten Einstandes von gestern. Mein Leiterchen stand in einem Buchenwald mit weitem Blickfeld. Da ich keinen nahen, Deckung bietenden Unterwuchs erkennen konnte, musste dieser Sitz an einem Fernwechsel, vielleicht für Drückjagden stehen. Leider war der ansonsten schöne Morgen – bis auf die Vögel des Waldes - wieder nicht mit Anblick gesegnet.

Auch mein Vater hatte erneut kein jagdbares Wild vor. Trotz der leichten Ernüchterung bei uns beiden Feldjägern, oder eher Jäger und Gehilfe, ging es doch frohen Mutes in die Unterkunft, wo ein leckeres Frühstück samt Kaffee auf uns wartete. Der Hunger war aufgrund der frischen Luft natürlich riesengroß. „Hat der Jäger auch nichts geschossen, so hat er doch die frische Luft genossen!“

Den Tag verbrachten wir mit Spaziergängen im Wald, um die Verhältnisse und Einstände besser kennen zu lernen. Stark belaufene Wechsel fanden wir leider nicht. Der Wildstand schien nicht sehr hoch zu sein. Auch die Anwesenheit des Schwarzwildes war nur an der ein oder anderen umgebrochenen Grasnarbe zu erkennen. Alles dies ließ unsere Hoffnungen auf Anblick und Beute erheblich sinken. Wo waren sie, die erträumten wildreichen Jagdgründe? Hier anscheinend nicht.

Der Abendansitz ergab den ersten Anblick bei mir. Eine Ricke äste am Wegesrand. Mein Vater hatte das gleiche Erlebnis wie am Vorabend. Schreckend sprang ein Stück Rehwild ab. Seine Hoffnung sank nun restlos in den Keller und er wollte diesen Waldort vorerst nicht mehr begehen. Bedrückt saßen wir am Abend vor unseren Tellern und Bierkrügen.

An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass ich schon das eine oder andere mal zum Jagderfolg meines Vaters beigetragen hatte, so sehr man das als Jagdgehilfe und Glücksbringer eben kann. Das seine mal hatte ich das Wild beim gemeinsamen Ansitz entdeckt, beim anderen Mal konnte ich meinem Vater beim alleinigen Ansitz wertvolle Hinweise geben. Aus diesem Stoff entstehen Jägergeschichten, die gerne immer und immer wieder erzählt werden.

Irgendwie regte sich in mir der Gedanke, dass hier bald etwas geschehen musste. Da das Einzugsgebiet um den Sitz meines Vaters nun frei war, hatte ich vor, dort am kommenden Morgen Stellung zu beziehen. So stand ich im allerersten Morgengrauen an der Waldweg-Kreuzung, von der zwei Wege im rechten Winkel an das Einstandsgebiet des vermuteten Wildes grenzten. Rechterhand grenzte der am unteren Ende der Fläche liegende Weg alsbald an einen Streifen Fichtendickung, durch den man pirschend einen Sitz erreichen konnte. Von dort hatte man Einblick in das leicht ansteigende, etwas verwilderte Gelände. Zu sehen war der ein oder andere alte Bombenkrater und ein recht tiefer Graben. Einige vom Sturm geworfene Bäume ergänzten das Bild. Bestanden war das Waldgebiet recht locker mit älteren Buchen und Eichen. Der Weg linkerhand stieg mit dem Gelände ebenfalls leicht an und bot Einblick und Einsicht.

Mein Vater hatte nicht den Weg durch den Fichtenbusch genommen, da er dort den Einstand des Wildes vermutete. Deswegen war er den Sitz stets seitlich durch den Laubwald ohne Weg und Steg angegangen. Einen Pirschpfad gab es nämlich nicht. Ich gedachte mir nun, auf eine andere Art einen Überblick über das Gebiet zu verschaffen und pirschte umsichtig den Weg linkerhand den Hang hinauf. Auf halber Strecke – am oberen Ende schloss wieder eine Dickung an – lag am Wegesrand ein vergessener Baumpfahl. Den wählte ich mir als Ansitz und harrte der Dinge, die da hoffentlich kommen sollten.

So ein bodennaher Ansitz ist für mich auch heute noch immer etwas Besonderes. Man hat zwar manches Mal einen schlechteren Überblick, erlebt aber Natur und Wild viel näher, vor allem alles was da am Boden so kreucht und fleucht… Stunde und Stimmung (und da hatte ich von Gagern noch keinen blassen Schimmer)!

Langsam gab die voranschreitende Dämmerung dunklen Flecken Farbe und Formen, der Graben wurde sichtbar, in die Vogelwelt kam Leben. Immer wieder faszinierend, das Erwachen der Natur! So sehr ich allerdings mit Argusaugen das Gelände absuchte, abglaste, es zeigte sich kein Wild. Endlich war es so hell, das Konzert der Vögel in vollem Gange, dass ich mich entschied, in langsamer Stehpirsch noch Einblick in einige nur von höherer Warte einsehbare Bereiche zu suchen. Langsam erhob ich mich und schulterte den Rucksack. Mich wieder nach links wenden gewann ich Schritt für Schritt an Höhe. Plötzlich ein schabendes Geräusch. Hatte ich mich nicht getäuscht? Nein, da, wieder! Es dauerte nicht lange bis mein jagdlich geprägtes Hirn verarbeitet hatte, um was es sich handelte. Dort plätzte ein Rehbock. Aber wo?
Mit gerecktem Hals pirschte ich langsam vor, voll der Spannung, und erhielt Schritt für Schritt Einblick in einen vorher nicht einsehbaren Bombenkrater. Die Spitze eines kleinen Bäumchens wackelte dort ganz erbärmlich. Endlich kam Stück für Stück auch der Verursacher in Anblick: ein mittelalter Sechserbock, der dort sein Gemüt kühlte. Fasziniert konnte ich auf vielleicht dreißig Meter beobachten, wie das Stück selbstvergessen plätzte, dass die trockenen Blätter nur so flogen. Endlich schien der Bock zufrieden zu sein und wechselte aus seinem Krater hinaus und hangabwärts, über den Graben und entschwand in der Fichtendickung meinen Blicken. Zurück ließ er einen aufgeregten Menschen, hatte ich doch endlich den heimlichen Waldgeist dieses Ortes gesehen. Glücklich machte ich mich auf zum Treffpunkt.

Nach meiner Berichterstattung wurde das Gebiet am Vormittag noch einmal in aller Vorsicht gemeinsam begangen. Sollte der Bock – nun Ziel unseres jagdlichen Strebens - am Abend seinen Rückwechsel nehmen, so würde er in der Nähe eines umgeworfenen Baumes vorbei kommen, dessen Wurzelteller Auflage und Ausschuss bieten würde. Schnell wurde noch Verblendmaterial geschnitten, so dass der provisorische Stand alsbald fertig war. Ein schmaler Pirschpfad wurde angelegt, der Abend konnte – der Bock sollte (!) natürlich kommen…

Schon beim Mittagsschlaf erträumte ich mir die wildesten Dinge. Würde Vater mit seiner Mauser 66 zum Schuss kommen? Würde der unberechenbare Bock dieses Mal berechenbar sein und den berechneten Wechsel nehmen? Endlich ging es los in den grünen Sachen – Vater und Sohn. Heute Abend wollten wir gemeinsam ansitzen. So musste es einfach klappen. Wenig später schoben wir uns mit aller Vorsicht auf Klappstühlchen in unseren „Adlerhorst“ ein. Vater vorne an der Auflage, ich im Hintergrund. So saßen wir nun mitten im besagten Gebiet. Denn der Wind passte auch… Wir harrten… Abenteuer…
Schnell fiel die anfängliche Spannung von uns ab. Noch war heller Tag. Die Minuten zogen sich wie Kaugummi. Alsbald war eine Stunde verstrichen und schon dämmerte es unter den Kronen der Bäume. Im Vergehen der Farben schien auch die Hoffnung zu sinken. Das letzte Büchsenlicht rückte in greifbare Nähe. So war er eben, der Unberechenbare.

Immer wieder machten unsere Doppelgläser die Runde, hangauf - hangab. Es blieb ruhig im Dom des Waldes. Ein Vogel nach dem anderen sang sein Gute-Nacht-Lied und langsam kam die absolute Stille… diese Stille… Stille?
... ein Geräusch, rechterhand, hangabwärts. Im windstillen Wald war das Anwechseln eines Stückes Wild sogleich zu vernehmen. „Tapp, tapp-tapp-tapp“. Schon hatten wir die Gläser an den Augen, versuchten, den Dämmer und das Gewirr an Baumstämmen zu durchdringen, waren ganz schauen, lauschen, sensibles Empfinden. Dort unten, am Rand der Fichtendickung eine Bewegung. Das musste, das konnte nur die rot-braune Decke eines Stückes Rehwild ein. Noch ein paar Blicke und ich spürte, wie Vater das Glas gegen den Repetierer tauschte. Mit Spannung beobachteten wir beide, wie das Stück, offensichtlich ein Rehbock, unser Versteck auf der anderen Seite des Grabens anwechselte. Ich konnte es kaum glauben und dann ging alles so schnell das man meinte, die Zeit stünde still. Das Licht reichte so gerade aus, damit ich die lyraförmige Krone von heute Morgen ansprechen konnte. Heiser kam mir die Stimme meines Vaters vor als er hauchte: “Ist er das?“ – Mein „Ja“ ging im Donner der 7mm Rem. Mag. unter.

Die nachfolgende Stille war umso beeindruckender… Stille…
Nur langsam gewöhnte sich das Auge wieder an den Dämmer unter den Baumkronen doch dann sahen wir es beide: der Bock war im Feuer geblieben. Lag! Waidmannsheil! Wir konnten es kaum glauben… Tiefes Durchatmen…
Lange hielt es uns nicht mehr in unserem Versteck, bald waren wir auf dem nicht sehr langen Weg durch das rauschende Laub, durchstiegen den recht tiefen Graben und waren endlich beim Gefällten.

Es war keine gewaltige Krone, die wir nun in den Händen hielten und betasteten, aber Vater und Sohn hatte sie gemeinsam erbeutet. Das Sechser-Gehörn bestach allerdings durch seine elegant geschwungene Lyraform und deutliche, wenn auch nicht gewaltige Vereckung. Wir waren sehr zufrieden, hatten dem Wald ein schon nicht mehr für möglich gehaltenes Waidmannsheil abgerungen, gemeinsame Beute – das bleibt, das prägt…

Gemeinsam brachen wir auf, gemeinsam bargen wir das Stück, gemeinsam hielten wir die Totenwache in der Dunkelheit, den herben Geruch des Schweißes in der Nase. Über Nacht hingen wir den Bock an die nahe Leiter zum Auskühlen, die Temperaturen waren bereits niedrig genug. Gemeinsam ging es zurück in die Unterkunft und sogleich in die Kneipe… der Rest ist Geschichte…

Am kommenden Morgen gingen wir noch zum letzten Morgenansitz, mehr als Genuss denn mit echter Absicht, und fuhren dann stolz mit unserer Beute zur Wildkammer. Einige bekannte Förster und Waldarbeiter arbeiteten in der Nähe und wir sahen ihren Augen beim Öffnen des Kofferraums an, dass sie ebenfalls nicht mehr mit unserem Erfolg gerechnet hatten. Dieser Waldbock wurde sogar als einer der Stärkeren der letzten Jahre bezeichnet. Die allgemeine Freude war groß… und so nahm unser erstes Abenteuer in fernen Osten sein Ende…
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swinging_elvis

swinging_elvis

Alter: 45 Jahre,
aus Dubai
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Kommentare

18.01.2016 11:57 R93Hunter
Was steht da für ein komischer Ort bei dir?
18.01.2016 12:20 swinging_elvis
R93Hunter schrieb:
Was steht da für ein komischer Ort bei dir?

Jetzt ist es halt etwas writer zu Dir...
18.01.2016 12:39 R93Hunter
swinging_elvis schrieb:
Jetzt ist es halt etwas writer zu Dir...


Wenn du vorhast länger dort zu verweilen, würde ich mich mal um einen Falknerjagdschein kümmern ...
19.01.2016 20:53 Kija
Weidmannsheil dem Team!
Waldjagd ist was völlig anderes als an der Ackerkante sitzen.....
Gruß Kija
19.01.2016 21:02 swinging_elvis
Kija schrieb:
Weidmannsheil dem Team!
Waldjagd ist was völlig anderes als an der Ackerkante sitzen.....
Gruß Kija

Haben wir da auch gelernt und mittlerweile verinnerlicht. Die Liebe für die Waldkante ist geblieben..... el
19.01.2016 21:07 Kija
swinging_elvis schrieb:
Haben wir da auch gelernt und mittlerweile verinnerlicht. Die Liebe für die Waldkante ist geblieben..... el

ich bin auch froh über jede überblickbare Freifläche, auch wenn sich dort wegen des Grauen kaum noch was blicken lässt
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