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1225 mal angesehen
25.02.2015, 21.27 Uhr

Wenn der Alte zu blöd ist...

Naja, was soll ich sagen? 21 Jahresjagdscheine, und ich stell mich an wie der dämlichste besserwisserische Jungjäger...

Das Jagdjahr verlief zumindest im Hinblick auf Sauen wirklich bescheiden. Na gut, einen Vorteil hatte es - kein Wildschaden durch Sauen weit und breit. Aber ehrlich, so ganz ohne Sauen? Das ist nix für mich und meinen Tiefkühlschrank.
Seit Wochen machten sie sich nun rar. Lediglich vor knapp einer Woche waren sie mal kurz an der Kirrung - vier Frischlinge ohne jede Führung. Die kenne ich schon seit dem Frühherbst. Da waren es noch 6. Zwei konnte ich strecken. Aber sonst...?

Und endlich lag mal etwas Schnee! Nicht viel, aber immerhin so viel, dass man auch ohne Mond gut draußen sitzen konnte. Ich hatte alle in Frage kommenden Ecken des Reviers kontrolliert - nix... Also was sollte ich schon draußen erwarten könne...?

Diese Überlegung schob ich schnell zur Seite. Bei solchem genialen, wie in diesem Winter auch extrem seltenen Winterwetter würde ich sicher nicht irgendwo vor irgendeinem Fernseher sitzen...

Tja, und nun saß ich hier. Vor mir die Kirrung in zartem Weiß gehüllt, windstill und eine Ruhe, die für all den beruflichen Stress der letzten Wochen entschädigte. Kein Zweig raschelte, kein Laut irgendeines Waldbewohners unterbrach die Stille, die ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Sinnen genoss.
Nein, ich rechnete wirklich nicht damit, Anlauf zu haben. Und an Streckemachen glaubte ich schon gar nicht. Ich wartete eigentlich auf die Waldkäuze, auf die ich mich sonst immer verlassen konnte. Oder noch den einen oder anderen Marderhund vielleicht. Aber weder ein "kuwitt" störte die Ruhe, noch entdeckte ich den typischen Schatten hungriger Marderhunde an den den Mais bedeckenden Baumscheiben. Aber irgendwie störte mich das gar nicht sooo doll, wie ich es erwartet hätte.
Und während ich so vor mich hin stiere, raschelt irgendetwas ganz leise hinter mir. Ganz vorsichtig drehe ich meinen Kopf etwas nach links und erwarte den Störenfried. Und der entpuppt sich doch tatsächlich als einer von den 4 Frischlingen, die ich schon kenne.
In wenigen Momenten ist er mir so nahe, dass ich keine Bewegung wage. die anderen drei folgen unmittelbar.
Natürlich erwacht in mir sofort die Hoffnung, doch noch was zu bekommen. Aber wie es sich so gehört, die Bande wechselte hinter mir durch und zog genau in meinen Wind...
In dichtem Gesträuch verharrten sie intensiv sichernd. Schon sah ich meine Felle wegschwimmen. Und tatsächlich, sie entfernten sich zielstrebig...

Scheibenkleister! Ich war mir in dem Moment wirklich sicher, dass es das für den Rest des Jagdjahres war. Aber noch bevor ich den Gedanken zu Ende brachte, stand plötzlich einer der Frischlinge auf der Kirrung. Keine Zeit für weitere Gedanken! Der Schuss brach und die Bühne war leer.

Ich war mir sehr sicher, auch wenn ich nichts entdecken konnte, was irgendwie nach Frischling aussah. Eine knappe halbe Stunde später stand ich am Anschuss, fand auch sofort ein wenig Schweiß im Schnee und beschloss, der gut sichtbaren Fährte zu folgen. Natürlich wählte der Frischling den Wechsel, der es mir möglichst schwer machte, zu folgen. Ich gab mir gar keine große Mühe, den räumlichen Überblick zu behalten. Bei dem Schnee sollt ich den Rückweg locker finden.
Ich weiß nicht, wie weit die zurückgelegte Strecke war. Aber plötzlich stand ich vor einem Wundbett. Und während jeder halbwegs bei Verstand stehende Jäger hier abbrechen würde, beschloss ich, der Fährte weiter zu folgen. Der Schweiß in der Fährte nahm zu. Aber irgendwie überkamen mich Zweifel, weiterzugehen. Ich tat es trotzdem, stieß dann auf ein zweites Wundbett...

Ja, schlagt mich, ich habe es verdient! Aber ich ging weiter. Und es kam, wie es kommen musste, ich lief auf das Stück auf, machte es im dritten Wundbett hoch... Erst jetzt brach ich wirklich ab und hätte mich sofort selbst ohrfeigen mögen. Eigentlich war ich mir sicher, das Stück am nächsten Morgen recht schnell zu finden. Was sollte bei dem Schnee auch schief gehen...?

Der nächste Morgen brachte Ernüchterung. Schnee weg, Dauerregen, Wind ordentlich aus Nordwest...

Den Anschuss kannte ich ja genau und legte nach einem kurzen Moment meinen Klettenfänger zur Fährte. Das aber war für mich schon nervenaufreibend. Denn nachdem ich abgebrochen hatte, war offensichtlich am Morgen eine Rotte auf der Kirrung und hatte die komplett umgedreht. Weiß der Geier, woher die nach all den Wochen plötzlich kamen. Aber was soll´s. Da mussten wir jetzt durch.
Kiro untersuchte den Anschuss sehr gründlich. Ich war mir alles andere als sicher, dass er hier die Fährte finden würde. Aber nach einer gefühlten Ewigkeit zog er ab und folgte einer Fährte. Kontrolle hatte ich keine mehr, Zweifel dafür um so mehr. Und die Tatsache, dass die Rotte nicht nur die Kirrung umgedreht hatte sondern auch immer wieder im Wald sehr aktiv war, ließ mich noch viel mehr an den Erfolgsaussichten zweifeln.
Meine Leichtsinnigkeit nachts sorgte auch dafür, dass ich heut nicht mehr wusste, wo ich annähernd gewesen wäre. Keine Markierungen, nichts...

So blieb mir nur, auf meinen Klettenfänger zu vertrauen. Immer wieder redete ich ihm in´s Gewissen, der Wundfährte treu zu bleiben. Ob er sich daran hielt, konnte ich nicht beurteilen. Bis er mir irgendwann etwas verwies. Erst nach geraumer Zeit entdeckte ich an einem trockenen Grashalm einen Rest von Schweiß. Und dann meinte ich die Reste eines der Wundbetten vom Vorabend zu erkennen. Kiro zog wieder an folgte unermüdlich offensichtlich der Wundfährte und ließ sich auch von den reihenweise vorhandenen Verleitungen durch den morgendlichen Sauenbesuch nicht beirren.
Mit zunehmender Unruhe registrierte ich, dass wir uns unermüdlich der Reviergrenze näherten. Ich sah mich schon den Nachbarn anrufen und ärgerte mich über meine nächtliche Unvernunft. So dämlich konnte nicht mal ein adrenalingepushter Jungjäger sein, wie ich mich hier benommen hatte. Ich weiß nicht, wie viele Stoßgebete ich zum Himmel schickte, aber irgendwie schien Diana mir und meiner Dämlichkeit verziehen zu haben. 30 Meter vor der Reviergrenze war der Frischling in der Flucht zusammengebrochen...

Nach all den Zweifeln hatte Kiro alles Lob dieser Welt verdient, nicht zuletzt meinen ganzen Müll hatte er geradegebogen. Vermutlich hat es ihn gar nicht so sehr in Anspruch genommen. Er wirkte durchaus gelassen, als ich in der linken Hand ihn führte und mit der rechten Hand den Frischling zum viel zu weit entfernt stehenden Auto zog.

Es bestätigte sich schließlich mein Verdacht, den ich seit dem letzten Wundbett nachts hatte, der eines sehr weit hinten abgekommenen weichen Schusses. Da hatte ich mit der später am Rechner überschlagenen Fluchtstrecke von etwa 600 Metern noch richtig Glück und wagte auch nicht zu murren, als es an´s Bergen des 30-Kilo-Frischlings ging. Das hatte ich mir selbst eingebrockt, wieder besseren Wissens.

Ach ja, für den hundsmiserablen Schuss konnte ich n icht mal meinen "Unsäglichn" verantwortlich machen. Ein Probeschuss zeigte eine perfekte Trefferlage. Also war auch bei der Schussabgabe ich der Blödmann... Naja, wenn schon dämlich, dann richtig dämlich...

Für mich steht einmal mehr fest: wenn man selbst schon zu blöd ist, ist es um so schöner und erleichternder, wenn man wenigstens einen coolen Helfer hat, der die eigenen Fehler ausbügeln kann und auch will...

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Rapsjaeger

Rapsjaeger

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aus Rapsfeld

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Kommentare

25.02.2015 21:47 kong
trotzdem WMH und danke für diesen ehrlichen und selbstkritischen Bericht
26.02.2015 06:40 Boarhunter75
Finde ich gut das du so offen zu deinen Fehlern stehst anderen Jägern passiert so etwas niiieee
Waidmannsheil
26.02.2015 07:09 Rapsjaeger
kong schrieb:
trotzdem WMH und danke für diesen ehrlichen und selbstkritischen Bericht


Weidmanns Dank! Für mich ist das Niederschreiben solcher Dinge auch eine Art Konfliktbewältigung. Natürlich weiß man es besser. Aber es gibt einfach Situationen, da setzt auch bei mir der Verstand etwas aus...
Da kann man dann nur froh sein, wenn eine solche Aktion glimpflich abgeht...

Ach ja, ich habe dein Buch nicht vergessen...- nur drei Tage durch die Gegend gefahren...
26.02.2015 07:11 Rapsjaeger
Weidmanns Dank! Ich seh´s ja so: Wenn man schon Fehler macht (und das habe ich ja nun reihenweise bei der Aktion), sollte man gerade deshalb drüber reden, damit andere beim nächsten Mal vieleicht etwas abgebrühter und souveräner reagieren, weil man weiß, was durch solche Fehler allles passieren kann (aber eigentlich nicht darf!)

Grüße von Rügen
26.02.2015 10:28 Ammerlaender
Auch von mir Hut ab für den ehrlichen Bericht und WMH!!
26.02.2015 17:15 Kija
Ein kräftiges Weidmannsheil zur Erkenntnis!
Auch nach dem Schuss braucht man Geduld
LG aus der märkischen Streusandbüchse
Kija
.. ach ja, du befindest dich mit dem Nachgehen im Schnee in bester Gesellschaft
26.02.2015 19:29 Reven
Rapsjaeger schrieb:
Weidmanns Dank! Ich seh´s ja so: Wenn man schon Fehler macht (und das habe ich ja nun reihenweise bei der Aktion), sollte man gerade deshalb drüber reden, damit andere beim nächsten Mal vieleicht etwas abgebrühter und souveräner reagieren, weil man weiß, was durch solche Fehler allles passieren kann (aber eigentlich nicht darf!)
Grüße von Rügen

Hut ab für Deine Erlichkeit und ganz besonders für Deine Reflektion ...
Ich denke wir alle kennen das, der Schuss brach und am Anschuss ist durch das Glas nichts zu sehen, die Bühne leer und die Gedanken drehen Karussel im Kopf. Wenn dann später Schweiß gefunden wird, ist die Hoffnung groß, doch nicht gepazzt zu haben und das Stück sicher nahe dem Anschuss finden und Bergen zu können - ich denke ebenso und sicher nicht nur ich allein.

Ich kann mich noch gut an einen Anruf von vor zweieinhalb Jahren des Nachts erinnern, die aufgeregte Stimme meines Jagdherrn am anderen Ende fing gleich an zu brabbeln und sagte immer wieder, ich war drauf ganz sicher, ich war drauf finde aber nichts, habe alles schon mehrfach abgeleuchtet.
Des Vormittags drauf machte ich meinen Hund klar und er folgte einer Fährte von Trittsiegeln. Vorher am angeblichen Anschuss, kein Schweiß, kein Kugelriss - nur tiefe Eingriffe und die Spur von Trittsiegeln, aber meine Labidame schien sich sicher zu sein. Nach rund 60-70m verwies meine Hündin dann einen Tropfen Schweiß an einem Grashalm ca. 30cm hoch, es war der einzige Schweiß, den auch ich visuell bestätigen konnte. Dann zog meine Hündin in die Dickung, sie konnte dem Wechsel gut folgen - ich hing immer nur in den Dornen fest und zweimal musste ich sie von der Fährte nehmen, weil für mich keinerlei Durchkommen war. Sie fand aber immer wieder zur Fährte und es ging noch rund 200m so, bis wir ohne Dornen dann in eine Buchenverjüngung kamen, nur der Blick nach unten war möglich - ansonsten Urwald pur. Ich sah den Hund nicht und folgte nur blind dem Riemenende der sich um die jungen Buchen leicht hangabwärts, immer strammer werdend, schlängelte. Ca. 100m weiter stand mein Hund dann am Stück und gab Laut, die angegeben 30kg entpuppten sich als grobe Sau, die ich allein den Hang hoch nicht Bergen konnte. Es war ein weicher Gescheideschuss nach hinten leicht quer durch und die Kugel steckte unten im Hinterlauf - daher kein Kugelriss. Gut das er das Stück in der Nacht nicht gefunden hat, es lebte noch etliche Stunden bevor wir es 12 Stunden später im Wundbett Tod finden konnten (war noch warm).
Nach meinem Anruf dann, der mit Waidmannsheil leicht aus der Puste begann, haben wir zu zweit dann eine Stunde später das Stück geborgen, er war auf Arbeit und war am Bangen und Fiebern. In so ein glückliches Gesicht wie damals, als er kam, habe ich schon länger nicht mehr geblickt, aber wir waren uns auch sicher, dass es des Nachts hätte böse ins Auge gehen können.
26.02.2015 19:48 R93Hunter
Klasse ...
26.02.2015 19:58 kong
Rapsjaeger schrieb:
Weidmanns Dank! Für mich ist das Niederschreiben solcher Dinge auch eine Art Konfliktbewältigung. Natürlich weiß man es besser. Aber es gibt einfach Situationen, da setzt auch bei mir der Verstand etwas aus...
Da kann man dann nur froh sein, wenn eine solche Aktion glimpflich abgeht...

Ach ja, ich habe dein Buch nicht vergessen...- nur drei Tage durch die Gegend gefahren...


Kann ich nachempfinden...

Hab ich Dir nicht zwei Bücher damals geschickt

Und keine Eile - ich weiß ja, das mein Zeug bei Dir in guten Händen ist
27.02.2015 06:59 Rapsjaeger
Kija schrieb:
Ein kräftiges Weidmannsheil zur Erkenntnis!
Auch nach dem Schuss braucht man Geduld
LG aus der märkischen Streusandbüchse
Kija
.. ach ja, du befindest dich mit dem Nachgehen im Schnee in bester GesellschaftR-)


Das ist für mich ein kleiner Trost, ändert an meinem Ärger über mich selbst aber nichts...

Weidmanns Dank!

27.02.2015 08:49 Kija
Rapsjaeger schrieb:
Das ist für mich ein kleiner Trost, ändert an meinem Ärger über mich selbst aber nichts...

Weidmanns Dank!




geht mir meist nicht anders
27.02.2015 12:06 BD880
Wmh Danke für diesen tollen (kritischen/ehrlichen) Bericht vielleicht hilft er anderen daraus zu lernen. Keiner ist frei von Fehlern
27.02.2015 13:11 swinging_elvis
Alter schützt vor Torheit nicht. Und Du bist ja noch jung Es ist durchaus nicht üblich, so selbstkritisch mit sich umzugehen... Hey, wir sind auf dem Weg... zu den 100%! ... und da bleiben wir auch... ein Jägerleben lang... Danke, dass wir ein kurzes Stück auf Deinem Weg mitgehen konnten und Waidmannsheil! El
04.03.2015 16:17 molch
waidmannsheil zum frosch.
und hut ab vor deiner ehrlichkeit.
so mancher hätte die geschichte "schön" geschrieben.
das zeigt mal wieder, daß man trotz aller erfahrung und besseren wissens, nie vor torheiten gefeit ist.
nur die wenigsten geben dies zu.
04.03.2015 19:52 Rapsjaeger
molch schrieb:
waidmannsheil zum frosch.
und hut ab vor deiner ehrlichkeit.
so mancher hätte die geschichte "schön" geschrieben.
das zeigt mal wieder, daß man trotz aller erfahrung und besseren wissens, nie vor torheiten gefeit ist.
nur die wenigsten geben dies zu.

Weidmanns Dank! Ich habe relativ wenig Probleme, Mist, den ich verzapft habe, auch zuzugeben. Niemand ist fehlerfrei. Entscheidend ist wohl, ob man daraus lernt...
Ich versuche es zumindest...
05.03.2015 11:08 Sneler
WMH,
echt nette Geschichte,
das passierte gerade eben wegen der 21JJ, durch "Betriebsblindheit" ist schon viel Schlimmeres passiert, Glück gehabt
05.03.2015 12:26 Herbert60
Waidmannsheil. Habe mal überlegt was ich gemacht hätte. Ich fürchte bei Schnee wäre ich auch hinterher
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