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Waidmannsheil! Altkranker Keiler 3 Wilder Pfefferminz
798 mal angesehen
06.07.2014, 18.21 Uhr

„Rechtzeitig zu spät“ oder „Der Pfefferminz-Keiler“

Wie so oft im Leben stellt der Haupttitel der Geschichte nur einen scheinbaren Widerspruch dar. Dass dem aber nicht so sein muss, genauso wie sich Lodenmantel und Camouflage nicht zwingend ausschließen, zeigt die nachfolgende Geschichte.

Mitte Juni war ich mal wieder in meinem kleinen Hessen-Revier. So langsam begannen die Bauern mit der ersten Mahd der Wiesen, der Raps stand aber noch reichlich und Deckung war in Hülle und Fülle vorhanden. Da zieht es mich schon allein aufgrund des zu erwarten Anblicks raus in die wunderbare Natur. Für den Abendansitz hatte ich den Wind geprüft und mich dementsprechend an eine kleine, vielversprechende Wiese angesetzt. Es war ein lauer Abend und nachdem ich die Waschbärenlosung entfernt hatte, harrte ich der Dinge, die da kommen sollten…

Aber – um es kurz zu machen: es zeigte sich nicht ein Schwänzchen! Weder auf der Wiese vor mir noch über die Schneise hinter mir wechselte Wild. Auch mein langes Verharren bis weit nach dem letzten Büchsenlicht brachte keine Erkenntnisse. So war es mir dieses Jagdjahr schon mehrfach ergangen. Hoffnungsfroh suchte ich so manche vielversprechende Ecke des Reviers auf… der Anblick gerade des Rehwildes hielt sich in Grenzen… Über den Standardspruch der Jäger „Das ist Jagd!“ hinaus habe ich mir so meine eigenen Gedanken gemacht und hege die Theorie der Waage des jagdlichen Erfolgs. Klappt es in einem Jahr, so kann es im darauffolgenden schon mal recht mau aussehen. Allzu großes Pech kann von himmelhohem Jauchzen abgelöst werden. Letztes Jagdjahr war bei mir ein sehr gutes gewesen…

Spät kam ich zurück in meine Hütte und gönnte mir zum Schlafengehen noch einen guten Schluck aus der Pulle Gerstensaft. Schließlich wollte ich morgen früh sogleich wieder raus und mein Glück versuchen. Entsprechend schnell entschlummerte ich in einen traumlosen Schlaf…

Langsam drang Vogelgesang an mein Ohr, durch meine Lider fiel schummeriges Licht. Mit einem Schlag war ich wach! Draußen war es bereits hell! Ich hatte verpennt!

Genauso wie es meine Strategie ist, im Leben durch etwas mehr Einsatz als manchmal nötig am Glück des Tüchtigen teilzuhaben, genauso stehe ich lieber zu früh als zu spät auf… neben der manches Mal im ersten Büchsenlicht gemachten Strecke konnte man so auch am Genuss eines erwachenden Tages teilhaben… heute war ich zu spät dran!

Ein wenig ärgerte ich mich schon, muss ich doch meine Jagdgelegenheiten zurzeit gut planen, da die Freizeit rar ist. Schnell sprang ich raus aus dem Stockbett und rein in die grünen Klamotten. Gleichzeitig ging ich unter Berücksichtigung des Windes die schnell und unauffällig zu erreichenden Ansitzgelegenheiten durch. Aber erst als ich im Auto saß, wusste ich, dass es der Schneisenkreuzer, ein Hochsitz nicht weit entfernt im Wald sein sollte. Wenige Minuten später stellte ich den Wagen ab und pirschte einen Waldweg mit hohem Gras entlang. Es war fünf Uhr, die Stunde, zu der das Wild normalerweise zieht, schon bestes Büchsenlicht, aber die Sonne noch weit hinter dem Horizont… Schlechtes Pirschen ist es, wenn man in Eile ist. Zu meinem Glück traf ich aber auf kein Wild und kam zügig Richtung Hochsitz. Jetzt hieß es besonders aufpassen, denn wie der Name schon sagt, stand der Hochsitz auf einem Schneisenkreuz mit Blick in vier Richtungen. Rund um den Sitz war hohes Gras und einige mit Wasser gefüllte Löcher zu durchsteigen, endlich war ich an der Leiter. Sprosse für Sprosse stieg ich nach oben, die Augen waren überall. Mitten auf der Leiter verharrend warf ich einen Blick auf die Schneise hinter mir und feurig heiß fuhr es mir in die Glieder. Gleich in der Nähe des Sitzes befindet sich eine Suhle, immer wieder sah man die Fährte der Schwarzkittel, die Dickungen boten beste Einstände. Trotzdem war es mir in zehn Jahren nicht gelungen, auch nur einen Pürzel zu sehen, geschweige denn, einen Schuss abzugeben. Das könnte sich heute ändern, denn auf vielleicht sechzig Meter entfernt stand dort, breit und schwarz, eine Sau auf der Schneise.

Sogleich aber hatte ich noch etwas gesehen: Das Stück zog irgendwie… nicht richtig. Da! Jetzt sah ich es wieder, die Sau schonte hinten. In solch einem Fall sind die Ansprüche an den Jäger noch höher. War das Stück führend? War es wirklich krank? Im wilden Eifer schoss es mir zuerst durch den Kopf, ich könne aus der Drehung direkt von der Leiter die Sau beschießen. Schnell aber verwarf ich diesen Gedanken und schaute, dass ich zügig hoch kam… natürlich, ohne bemerkt zu werden, quasi schnell… und gleichzeitig langsam… Nur Jäger kennen diese Bewegungsart!

Schon aber saß ich oben auf der Bank, den Rucksack noch auf dem Rücken, den .30-06-Repetierer aber schon an der Schulter. Jetzt hieß es genau ansprechen und dann eine sich hoffentlich bietende Chance nutzen.

Während dessen war der Schwarzkittel spitz von mir weg gezogen. Nach einigen sichtigen Stellen kam nun auf vielleicht siebzig, achtzig Meter wieder hohes Gras, da hier eine Dickung angrenzte, die mehr Lichteinfall erlaubte. Im Hintergrund schwamm weiß der Morgennebel. Für den Genuss der Szenerie blieb aber leider keine Zeit. Schon eine Weile hatte ich das Stück mit dem Absehen verfolgt und festgestellt, dass es alleine ging. Einen Pinsel konnte ich aufgrund des Bewuchses leider nicht erkennen, dafür war das Schonen des linken Hinterhammers nun mehr als offensichtlich. Die Entscheidung zum Schuss war gefallen.

Wie so oft, wenn man sich endlich durchgerungen hat, macht es einem das Wild nicht leicht. Im Kapitel „Das Schießen“ des Werkes „Das Deutsche Waidwerk“ von Friedrich von Raesfeld (erste Auflage: 1913!) wird der Schuss spitz von hinten auf flüchtiges oder verhoffendes Wild noch durchaus gelehrt, ich aber konnte mich jetzt über hundert Jahre später und selbst in dieser Lage nicht dazu durchringen. Dabei näherte sich das Stück immer mehr dem lichteren und damit hoch bewachsenem Bereich. Dazu kam noch, dass eigentlich der wenn auch recht laue Wind in diese Richtung gehen musste, so dass ich jederzeit mit dem Abspringen des nahe der Waldkante stehenden Stückes rechnete. Plötzlich verhoffte die Sau, eher unbewusst vermeinte ich, ein geringeres Gewaff blitzen zu sehen, als sie ihr Haupt nach links wendete. Diese Chance musste ich nutzen und setzte dem Wutz die Kugel auf die linke vordere Blattkante, von wo sie den Träger durchschlagen und am rechten Teller austreten müsste. Ein riskanter Schuss!

Durch das Feuer aber sah ich, wie das Stück im Knall herunter ging. Nur kurz noch sah ich ein wildes sich Aufbäumen, dann blieb es still dahinten im hohen Gras. Trotzdem hatte ich sogleich eine neue Patrone im Lager und verblieb im Anschlag. Man konnte ja nie wissen… (man sollte aber näher am Wissen sein!)

Erst nach einigen Minuten war ich mir sicher, dass das Stück an Ort und Stelle verendet war. Zuerst aber verharrte ich noch einige Minuten und ging das soeben erlebte noch einmal durch. Welch‘ unsägliches Glück, dass ich heute Morgen zu spät aufgestanden war und so mit dem Wildschwein zusammen traf. „Rechtzeitig zu spät!“ könnte man sagen. Endlich schlich ich mit abgenommenem Zielfernrohr (sicher ist sicher!) in Richtung meiner Beute. Tatsächlich, schon über die Schneise vom Hochwald in den Dickungsbereich schreitend gewahr ich endlich ein paar Borsten hinter einem kleinen, bewachsenen Hügel. Neben dem Keilerchen niederkniend, stieg mit der taufrische Duft von wildem Pfefferminz in die Nase, welcher in dicken Büschen gleich neben dem Verendeten wuchs. Das war schon ein besonderes Erlebnis für Nase und Sinne, die Mischung aus diesem oft zu Tee verarbeiteten Kraut und der Liebstöckel-Duft.

Die Kugel hatte ihren Weg gefunden und zum schlagartigen Verenden geführt, wobei die Sau auf die Einschussseite gefallen war. So wie sie vor mir lag, war zunächst kein Grund für das Schonen zu erkennen. Erst als ich den Wildkörper herumwuchtete, wurde das ganze Elend sichtbar: Der linke Hinterhammer sah fürchterlich aus. Die Keule war praktisch nicht mehr vorhanden bzw. verkümmert, an der Schwarte hing noch lose baumelnd ein Stück Oberschenkelknochen. Das konnte nur das Werk eines Verkehrsunfalls gewesen sein und musste zu langem Leiden des Stückes geführt haben. Umso verwunderlicher, dass die Wunden wieder völlig überwachsen und verheilt waren. Es ist immer wieder erstaunlich, wie hart unser Schwarzwild im Nehmen ist.

An den Zähnen war schnell anzusprechen, dass es sich um einen gerade einmal zweijährigen Keiler handelte, die unteren Schneidezähne standen bereits auf einer Linie. Diese Erkenntnis vervollständigte mein Erleben an diesem Morgen. Ein seltsames Gefühl überkam mich, eine Mischung aus Freude über den Hegeabschuss und bitterem Beigeschmack ob des sicher langen Leiden des kleinen Keilerchens. Nach einer kleinen Totenwache und den obligatorischen Fotos begann ich das rote Werk und brach die Sau sauber auf. Zum Wagen war es ein gutes Stück. So verbrachte ich zunächst meine Ausrüstung in das Auto, um mich dann an die Bergung des Keilers zu machen. Dies war bei den fünfzig Kilo aufgebrochen, die er nachher an die Waage brachte, keine Kleinigkeit. Aber auch dem Jäger tut ein wenig morgendlichen Training manchmal gut!

Im Nachhinein betrachtet hat mich dieses Erlebnis tief bewegt. Noch heute gehen mir die Eindrücke beim Anschauen der Bilder nicht aus dem Kopf, im Hintergrund der wabernde Nebel, vorne die schwarze Sau, der verkümmerte Hinterhammer und… der Duft nach wildem Pfefferminz…
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swinging_elvis

swinging_elvis

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Kommentare

06.07.2014 18:47 frankietester
Weidmannsheil
06.07.2014 18:57 swinging_elvis
frankietester schrieb:
Weidmannsheil

Waidmannsdank!
06.07.2014 19:39 KeilerHeinrich
Weidmannsheil!
06.07.2014 23:19 Gebrech
Waidmannsheil
07.07.2014 06:34 hunterbucki
Toll geschrieben..
Waidmannsheil.
07.07.2014 06:44 Ilnm
Waidmannsheil.
07.07.2014 07:04 Moorbock80
Waidmannsheil!
07.07.2014 10:32 SauerlaenderJung
Da ist die Geschichte ja ;) und wie immer, sehr gut geschrieben!

Ein aufrichtiges Weidmannsheil! Weiter so!
07.07.2014 14:16 Keiler72
Waidmann`s Heil!
07.07.2014 15:43 platzi
Weidmannsheil zum Keilerchen.
Schön geschrieben, wie immer!
Diether
07.07.2014 16:31 swinging_elvis
Gebrech schrieb:
Waidmannsheil

Waidmannsdank!!!
07.07.2014 16:32 swinging_elvis
hunterbucki schrieb:
Toll geschrieben..
Waidmannsheil.

Freut mich. Waidmannsdank!!!
07.07.2014 16:33 swinging_elvis
SauerlaenderJung schrieb:
Da ist die Geschichte ja ;) und wie immer, sehr gut geschrieben!

Ein aufrichtiges Weidmannsheil! Weiter so!

... wie guter Wein muss so manche Geschichte erst ne Weile im Keller liegen... Waidmannsdank!
07.07.2014 16:34 swinging_elvis
platzi schrieb:
Weidmannsheil zum Keilerchen.
Schön geschrieben, wie immer!
Diether

Vielen Dank. Zu viel des Guten... Waidmannsdank!
07.07.2014 17:04 Remmi
Waidmannsheil!
Da hat an diesem Morgen ja Alles gepasst!
07.07.2014 18:52 swinging_elvis
Bolchower schrieb:
Waidmannsheil!
Da hat an diesem Morgen ja Alles gepasst!

Kann man so sagen... und auch noch (fast) ausgeschlafen Waidmannsdank! el
07.07.2014 19:01 Waldmeister01
Weidmannsheil,schön geschrieben......
07.07.2014 19:20 R93Hunter
Wenn dir irgendwann die Lust auf die Arbeit vergeht, solltest du Schriftsteller werden ...

07.07.2014 19:51 swinging_elvis
Waldmeister01 schrieb:
Weidmannsheil,schön geschrieben......

Waidmannsdenk...
07.07.2014 19:54 swinging_elvis
R93Hunter schrieb:
Wenn dir irgendwann die Lust auf die Arbeit vergeht, solltest du Schriftsteller werden ...

Hmmm... ich überleg's mir mal... Neee, arbeiten macht auch schon noch Spaß... auf hoffentlich bald einmal ... el
08.07.2014 04:23 Nimrod83
Waidmansheil!
08.07.2014 09:44 Rapsjaeger
Weidmanns Heil! Solche Erfolge sind dann irgendwie auch das Salz in der Jägersuppe...
08.07.2014 10:38 Kija
Weidmannsheil
und wie immer: sauber geschrieben, da macht das Lesen Spaß
LG Kija
08.07.2014 11:26 TerrierScotch
Weidmannsheil zum Hegeabschuss!
Einer meiner Ausbilder meinte mal:
"Wenn es tierschutzrelevant ist: Feuer frei aus allen Rohren!"
08.07.2014 12:14 wilddieb73
... von solchen Erlebnissen lebt die Jagd... Situation, Einschätzung, Handeln, Erinnern - alles passt(e)... Wmh
08.07.2014 18:25 swinging_elvis
Nimrod83 schrieb:
Waidmansheil!

Waidmannsdank!!!
08.07.2014 18:26 swinging_elvis
Rapsjaeger schrieb:
Weidmanns Heil! Solche Erfolge sind dann irgendwie auch das Salz in der Jägersuppe...

Kann man wohl sagen... Waidmannsdank und Horrido!
08.07.2014 18:26 swinging_elvis
Kija schrieb:
Weidmannsheil
und wie immer: sauber geschrieben, da macht das Lesen Spaß
LG Kija

Man gibt sich Mühe...doppeltes Waidmannsdank!
08.07.2014 18:27 swinging_elvis
TerrierScotch schrieb:
Weidmannsheil zum Hegeabschuss!
Einer meiner Ausbilder meinte mal:
"Wenn es tierschutzrelevant ist: Feuer frei aus allen Rohren!"

Kenne ich auch so... aber in den A... wollte ich einfach nicht schießen... Horrido und Waidmannsdank!
08.07.2014 18:28 swinging_elvis
wilddieb73 schrieb:
... von solchen Erlebnissen lebt die Jagd... Situation, Einschätzung, Handeln, Erinnern - alles passt(e)... Wmh

Ja, das ist Erleben... Waidmannsdank! el
09.07.2014 11:52 Alpenjager
Lieber Hahnenkollege,
wünsche Dir ein kräftiges Weidmannsheil!! Toll erzählt.
Viele Grüße aus dem Allgäu
Peter
09.07.2014 20:07 swinging_elvis
Alpenjager schrieb:
Lieber Hahnenkollege,
wünsche Dir ein kräftiges Weidmannsheil!! Toll erzählt.
Viele Grüße aus dem Allgäu
Peter

Ha! Der Hahnenflüsterer
Kräftiges Waidmannsheil an Dich und natürlich Waidmannsdank! War schon ein besonderes Erleben... Horrido, el
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