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10.09.2013, 15.20 Uhr

Wenn es pressiert

Zu den Bildern:
Titel: Bei Dubletten wird oft unter Zeitdruck geschossen.
li: Das kostet den Biathleten nur ein Lächeln: 180 Sek für 5 Schuss (wenngleich auf 200m)

Die Psychologie des jagdlichen Büchsenschusses
Bis der Jungjäger endlich die heißersehnte und lebenslänglich gültige Jägerprüfung hinter sich hat, wurde eine Unzahl von Kugelschüssen abgegeben. Inwieweit er auf den jagdlichen Schuss vorbereitet und einstimmt wurde, steht auf einem anderen Blatt, denn die Anforderungen auf Wild stellen sich ganz anders dar.

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man mehr oder weniger unbefangen auf eine tote Scheibe oder ein Lebewesen schießt und das umso mehr, je näher es einem gefühlsmäßig steht. So kann der Schuss auf ein verhoffendes Rehkitz mit mehr Hemmungen überfrachtet werden, als auf ein flüchtiges Stück Schwarzwild. Wenn es also zum Schwur kommt, läuft ein mehr oder weniger geordnetes Programm ab, mit dem sich der Jäger auseinander zu setzen hat. Einem unschuldigen Stück Wild die Kugel ins Leben anzutragen, stellt nicht nur Jungjäger vor eine psychische Probe. Mit der Zeit sollten die Emotionen soweit abflachen, dass ein „sauberer Schuss“ nicht mehr vom Jagdfieber beeinflusst wird, das Jäger selbst gerne entschuldigend anführen oder bei anderen gelten lassen.

Als Referent für den praktischen und theoretischen Unterricht für das Schießen mit der Kugel, also mit Repetieren und kombinierten Waffen, habe ich mich über 25 Jahre damit befasst, den Aspiranten das nötige jagdliche Rüstzeug mitzugeben. Die mir von den Aspiranten beim Bestehen in der Jägerprüfung in Aussicht gestellten Rehböcke, haben die Jungjäger wahrscheinlich alle selbst geschossen.

Der aufgelegte Schuss stellt in der jagdlichen Praxis den weit größten Anteil dar. Darauf muss sich die Ausbildung konzentrieren, wenngleich durch die gewandelten Jagdverhältnisse dem Schuss auf sich bewegende Ziele zunehmend mehr Bedeutung zukommt. Dass sich hier Ausbildungsschwächen zeigen, ist an den von Jungjägern in Internetforen gestellten Fragen unschwer erkennbar. Wenn man davon ausgehen will, dass ein Kursteilnehmer alles wie ein Schwamm aufsaugt, bleibt oft erschreckend wenig hängen.

Was das Schießen angeht, kann es nicht sein, nur möglichst viele Kugelschüsse machen zu lassen, um damit zu suggerieren so das Nahziel schnell und sicher zu erreichen. In einem Kompaktkurs („Crashkurs“ wird vermieden) stürzt in kurzer Zeit zu viel auf die Prüflinge ein, um das über die Prüfung hinaus gehende Wissen zu verinnerlichen. Die verschiedenen Fächer sind schon umfangreich genug, stellen aber im Zuge des „MC“-Verfahrens (multiple choice) weit geringere Anforderungen als an die Ausbildung im Schießen.

Beim Schießen kann man nichts ankreuzen, es sei denn man stellt folgende Fragen:
Was ist der bessere jagdliche Haltepunkt:
A der Hals, B die Körpermitte, C das Schulterblatt.
Nun korrelieren Haltepunkt und Treffpunkt in den seltensten Fällen, woraus sich die Frage nach dem jagdlich angestrebten Treffpunkt ergibt:
A Schlund/Drossel, B Herz/Lunge, C Pansen/Gescheide.
Schon auf die Scheibe zeigen sich Diskrepanzen hinsichtlich dessen was man will und dem was man kriegt.

Das kleine 1x1 des Büchsenschusses
So schnell auch das Geschoss aus der Hülse und Millisekunden später die Laufmündung in Richtung Ziel verlässt, umso gelassener, ruhiger und konzentrierter sollten die Vorbereitungen ablaufen, bis sich der Finger am Abzug krümmt. Die Erkenntnis, dass die Kugel mit dem Durchreißen des Abzugs nicht schneller fliegt, hat sich noch nicht überall durchgesetzt. Das Buch „Der waidgerechte Büchsenschuss“ trägt dem besonders Rechnung.

Wenn die Waffe mit zitternden Händen aus dem Gewehrständer genommen und noch aufgeregter geladen wird, ist im Vorfeld etwas schief gelaufen. Diesbezügliche Fehler können sich dermaßen eingebrannt haben, dass sie sich noch nach Jahrzehnten auf dem Schießstand äußern und kaum erwarten lassen, dass es auf Wild plötzlich völlig anders wäre. Wie gesagt, wir sprechen jetzt nur vom aufgelegten Schuss auf die stehende Scheibe.

Selbst wenn Jäger vorher Sportschießen betrieben haben, wird in den seltensten Fällen mit Großkaliber geschossen. Luftdruck- und KK-Waffen sind für bestimmte Disziplinen geschäftet mit Abzügen versehen, die mit denen von Jagdgewehren wenig gemein haben. Außerdem schießt der Sportschütze mit seiner Waffe auf Scheiben, die für Training und Wettkampf weitgehend identisch, aber in keinem Fall lebende Ziele sind. Allein dieser Aspekt unterscheidet den Sportschützen vom Jäger fundamental.

Biathlon als sportliche Parallele
Der Vergleich kann durchaus gelten, zumindest was die stehenden Scheiben angeht. Berücksichtigt man die im Vergleich zu Zielfernrohren primitive Visierung und die „Langsamkeit“ des KK-Geschosses selbst bei der geringen Schussweite, kommt doch vor jeder 5-Schuss-Serie die enorme physische Belastung eines „Anlaufes“ mit höchster Pulsfrequenz. Jagdlich entfällt das in der Regel, weil der meist nur eine Schuss nach einer längeren „Abkühlphase“ abgegeben wird.

Der Zeitfaktor
Im Biathlon bestimmt die Konkurrenz den Rahmen, auf der Jagd das Wild. Der Biathlet trainiert darauf in einem Maße, das für den Jäger völlig außerhalb jeder Überlegung bleibt. Ob liegend oder stehend abhetzt unter Zeitdruck schießen zu müssen, ist beim Biathlon die Regel, auf der Jagd die Ausnahme. Schon auf den letzten Metern vor dem Stand wird der Mündungsschoner geöffnet, werden die Stöcke ausgeschlauft und auf der Matte wird die Waffe vom Rucksackgurt genommen. Magazin rein, anschlagen und 20.000 Zuschauer quittieren jeden Treffer mit „AA“ und jeden Fehlschuss mit „Oh“. Übrigens, Das Tragegeschirr dient nur dem „Transport“ und hat allenfalls beim Liegendschießen eine schießtechnische Funktion.

Wie sehr unterscheiden sich sowohl physisch als auch psychisch doch Jäger von „Skijägern“. Viele Grünröcke meiden allein deswegen den Schießstand, weil man ihnen über die Schulter schauen kann, was sie an Treffern fabrizieren. Schon die Vorbereitungen dauern eine Ewigkeit, bis es endlich knallt.

Im Rahmen bestimmter Schießveranstaltungen wird versucht das so zu vermitteln, dass man durchaus auch unter Zeitdruck in der Lage ist gut zu treffen und das noch auf Schussweiten, die außerhalb der Überlegungen der allermeisten Wald- und Wiesenjäger liegen.

Der Biathlet
übt alle Einzelaspekte und diese dann im Gesamtkomplex. Was die Anstrengung vor dem Schuss angeht, kann allenfalls der Bergjäger mithalten, während der Ansitzjäger mit all dem nicht konfrontiert wird. Der Biathlet arbeitet vor dem ersten Schuss seiner Serie ein ausgefeiltes und einstudiertes Programm ab, das der Jäger schon auf dem Stand vernachlässigt und, falls er sie überhaupt gelernt hat, auf der Jagd vergisst oder außer acht lässt.

Zwar weiß der Biathlet wo sich seine Scheibe befindet, aber auch Spitzenschützen können die verkehrten Scheiben beschießen, wie es 2012 Magdalena Neuner einen ersten Platz gekostet hat.
Der Jäger kann sich oft auf eine Hauptschussrichtung einstellen, was die Waffe schon einmal darauf hin „betten“ lässt. Je weniger zu „machen“ ist, bevor der Finger gekrümmt wird, umso weniger vermeidbare Hektik kommt auf. Wer sein Gewehr erst aus den Kanzelecke holen muss und dann noch mit dem Riemen hängen bleibt, macht sich selbst vermeidbaren Stress. Am unvorhersehbaren Verhalten des Wildes lässt sich ohnehin nicht machen.

Gegenüber dem Biathleten hat der Jäger den Vorteil, alles zu unternehmen zu können, was einen best möglichen Treffer erwarten lässt. Dabei ist er keinem strengen Reglement unterworfen. Was zählt ist nur der Treffer, was letztlich daraus hinauslaufen sollte, dass Halte- und Treffpunkt zusammen fallen. Je weiter das auseinanderklafft, umso größer waren die störenden Einflüsse. Dabei haben Anschlag, Auflage und abziehen den gleichen Stellenwert wie die mentale Verfassung im Moment des Schusses.

Übung
Zieht man Vergleich zwischen Übung und „Ernstfall“, kommt der Jäger in beiden Fällen ganz schlecht weg. Jeder kennt in seinem Umfeld Kameraden, denen jeder Übungsschuss zuviel ist und die es auch nicht für nötig befinden, sich in der Zeit von Januar bis Mai für die kommende Jagdsaison fit zu machen. Leider ist es aber so, dass sich die Meinung über die eigene Schießfertigkeit mit der Realität nicht immer deckt.

Schießen ist Kopfsache. Wer Wild als „Prestige- und Statussymbol“ und nicht als Mitgeschöpf bewertet, dem können die Emotionen einen gewaltigen Streich spielen. Jagdführern, die Gäste auf Kapitalwild betreuen, ist es oft unerklärlich, dass ein „Fetzen Hirsch“ auf 50 Meter glatt gefehlt wird. Wer das ganze Jahr seine Rehe mit der „kleinen Kugel“ bejagt, hat schon Mores seine 8x68 oder ein ähnliches Kaliber zu schießen, die sein Büchsenmacher „vorgeschossen“ hat. Die Vertrautheit mit der Waffe ist beruhigend und allein der Waffenwechsel mit der damit verbundenen anderen Handhabung kann den Jäger im entscheidenden Moment konfus machen. Der Biathlet übt mit der gleichen Waffe, mit der er auch seine Wettkämpfe bestreitet.

Der psychische Druck
Beim Biathlon kommt der Druck allein durch den Ehrgeiz, sein eigenes Ergebnis zu verbessern. Das verstärkt sich als Staffelmitglied oder als Teilnehmer an Wettbewerben, wo vor großem Publikum das eigene Land erfolgreich vertreten werden soll. Während der Jäger sich schon psychisch überfordert fühlt, wenn ihm Kumpels beim Übungsschießen über die Schulter schauen, darf das den Biathleten nicht aus der Fassung bringen. Gesicht, Auge und Schießfinger werden in Großaufnahme dem Zuschauer auf TV oder Großbildschirmen geliefert und jede Regung lässt schon erwarten wie der Schuss ausfällt.

Das antrainierte Programm läuft voll durch, wobei die Waffe quasi schon wieder geschultert wird, wenn die Kugel noch unterwegs ist. Was bisher nicht oder zu wenig herausgestellt wurde, ist die annähernd oder praktisch gleiche Leistungsdichte bei Männern und Frauen. Deutschland hat zwei starke Kader bei beiden Geschlechtern, die international ganz hervorragend rangieren. Im jagdlichen Bereich sind die Verhältnisse, schon was die Beteiligung als solche, als auch den Anteil von Frauen betrifft, völlig andere. Allerdings zeichnet sich ein Trend zu mehr Jägerinnen ab.

Fazit
Zieht man in Betracht, dass die Quintessenz der Jagd in der Erlegung von Wild besteht, bleibt nach einer gerade ausreichenden praktischen Schießausbildung für psychologische Aspekte weder Zeit noch Raum. Was mit Waidgerechtigkeit und Jagdethik umschrieben wird, ist der Versuch, die Psychologie des jagdlichen Büchsenschuss als nebensächlich und unbedeutend hinzustellen. Wenn wir dem Wild eine „Seele“ zugestehen, müssen wir das im Alltag auch beherzigen. Der nüchterne „moderne“ Mensch wird immer wieder damit konfrontiert, gegen Gefühle ankämpfen zu müssen. Es belastet ihn umso mehr, je geringer das dafür nötig Rüstzeug ist. Sport und Jagd haben bei aller Unterschiedlichkeit, mehr Gemeinsamkeiten als gemeinhin zugegeben werden. Was im Biathlon von Nutzen ist, kann für den Schuss auf Wild nicht schaden, zumal es nicht um Klappscheiben, sondern um Tod oder Leben des Wildes geht.

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SirHenry

SirHenry

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Kommentare

11.09.2013 13:47 Jager11
Fit machen von Januar bis Mai? Bei der Kälte?
Spaß bei Seite: besser ist sicher, sich das ganze Jahr über in Übung halten!
Zu den Treffern auf dem Bierfilzl: Hättest vielleicht doch vorher a bisserl nach links hoch korrigieren sollen! Du weißt ja, wer dies schreibt!
11.09.2013 22:26 SirHenry
Jager11 schrieb:
Fit machen von Januar bis Mai? Bei der Kälte?
Spaß bei Seite: besser ist sicher, sich das ganze Jahr über in Übung halten!
Zu den Treffern auf dem Bierfilzl: Hättest vielleicht doch vorher a bisserl nach links hoch korrigieren sollen! Du weißt ja, wer dies schreibt!


Neuerdings gibt es beim Blattschuss "Vollblatt", daher gibt es, wie man sieht, nicht nur Vollpfosten, sondern auch "Vollfilz".
Für von mir eine frisch eingeschossene R8 gar nicht so schlecht. Ich weiß, du hättest in den Kreis geschossen, aber im Alter wird man bescheiden ---
12.09.2013 08:54 Jager11
SirHenry schrieb:
Neuerdings gibt es beim Blattschuss "Vollblatt", daher gibt es, wie man sieht, nicht nur Vollpfosten, sondern auch "Vollfilz".
Für von mir eine frisch eingeschossene R8 gar nicht so schlecht. Ich weiß, du hättest in den Kreis geschossen, aber im Alter wird man bescheiden ---

Bei mir ist es vom Willen her noch umgekehrt...aber ich hab ja noch 11 Jahre Defizit zu Dir...
Ob Du mit Deinem Fazit die hartgesottenen Übungsverweigerer erreichen kannst, möchte ich allerdings dahin gestellt sein lassen.
13.09.2013 16:11 Keilerkopf
Ich sage nur: recht hat er, also üben, üben, üben.

Nicht umsonst hat RWS die Cineshot rausgebracht...
15.09.2013 22:34 SirHenry
Keilerkopf schrieb:
Ich sage nur: recht hat er, also üben, üben, üben.

Nicht umsonst hat RWS die Cineshot rausgebracht...


Es ist nicht damit getan, nur die Muni nur deshalb zu verschießen weil sie billig ist.
Es kommt darauf an "zielgerichtet" üben, um nicht angeübte Fehler zu zementieren.
Je besser die Anleitung, Unterweisung, Coaching und Information, umso weniger muss scharf geschossen werden.

23.09.2013 15:32 Mattenklodt
Was ist jetzt der Mehrwert dieses Aufsatzes?
24.09.2013 08:40 SirHenry
Wenn das alles für dich nix neues ist, wo ist das Problem. Immerhin haben knapp 800 drauf geklickt und einigen hat es gefallen.
Wenn dich der Schuss auf Wild völlig kalt lässt und sich das in sauber angetragenen Schüssen auswirkt, spricht das für deine "coolness". Viele haben jedoch damit zu kämpfen und "wenns pressiert" ganz besonders.
Kannst ja mal den @Lassperg von heute früh fragen, was ihm daran gefallen hat.
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