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06.09.2013, 12.29 Uhr

Bleifrei aus ökologischer Sicht

Bleifrei aus ökologischer Sicht
Mehr oder weniger ausführlich und mit mehr oder weniger objektiver Bewertung wurden bislang Büchsengeschosse nur hinsichtlich ihrer Wirkung auf Schalenwild verglichen. Jagdpraktisch dürfte sich als einzig verifizierbarer Faktor der Fluchtweg vom Anschuss heran ziehen lassen. Nicht zuletzt deshalb, weil er sich nach Metern abmessen lässt. Damit steht ein Parameter zur Verfügung, der weit mehr als die Wildbretentwertung, Rückschlüsse auf die Wirksamkeit bestimmter Geschosstypen zulässt, wenngleich es in hohem Maße auf den Treffersitz ankommt. Ohne sich an der Diskussion über jagdliche Wirksamkeit von bleihaltigen bzw. bleifreien Jagdbüchsengeschossen beteiligen zu wollen, sei der Blick auf die bislang noch nirgends zur Debatte stehende Ökobilanz verschiedener Geschossmetalle gerichtet.

Wie ökologisch ist „bleifrei“?
Zunächst sei auf die durch das Bundesinstitut für Risikobewertung bestätigte Unbedenklichkeit von Wildbret hingewiesen, das mit bleihaltigen Büchsengeschossen erlegt wurde. Wie schaut es aber mit Blei oder Bleifrei hinsichtlich der Ökobilanz aus, wenn man die Metalle, aus denen Büchsengeschosse gefertigt werden, miteinander vergleicht. Auskunft darüber gibt die Tabelle 1, die aufgrund im Internet zugänglicher Daten, unter anderem dem Metallhandel, der Rohstoffbörse, metallurgischen Daten und
einschlägiger Lexika, zusammengestellt wurde.

Jagdliche Ersatzstoffe für Blei
Als im Vergleich zu Blei völlig unbedenkliches Material gelten für Büchsengeschosse vor allem Kupfer und Zink, für Schrote Weicheisen, Wismut, Wolfram. Nachdem Ökologie ein sehr komplexes Gebiet darstellt, lohnt sich auch einmal darüber nachzudenken, welcher Aufwand allein für den metallischen Rohstoff erforderlich ist, um daraus Jagdgeschosse oder Schrot herstellen zu können. Aus der nachstehenden Ökobilanz lässt sich das unschwer erkennen. Gelb sind günstige, braun ungünstige Merkmale. Es ist leicht erkennbar, dass sich Blei nur schwer ersetzen lässt.

Hierzu die Tabelle bei den Bildern

Nickel findet sowohl bei Büchsengeschossen als auch bei Schrot als Überzug Verwendung, um bei ersteren den Geschossabrieb im Lauf zu reduzieren und bei letzterem um Bleischrot härter zu machen. Das Kilo Nickel kostet ca. 13 €. Für die mit „x“ gekennzeichneten Punkte konnten keine Angaben gefunden werden, weil seltene Metalle zusammen mit anderen Metallen vorkommen. Das extrem dichte Wolfram wurde in den USA in „Tungsten“-Schrot verwendet. Federal war hier der Vorreiter, hat es aber wieder aus dem Sortiment genommen, weil der Rohstoff zu teuer und die Herstellung zu schwierig war.

Kupfer: Gewinnung/Nutzung/Problematik
Richtwert für Kupfer (Cu) in Trinkwasser-Leitungen: 3mg/l. (evtl. Grenzwert-Überschreitung bei saurem TrW im Bereich von <6,2 pH und langer Verweildauer in Cu-Leitungen); evtl. problematisch für Säuglinge und Personen, die an der Wilson-Krankheit leiden.
Das sind nahezu die gleichen Bedenken, die gegenüber Blei angeführt werden.

Pro Tonne Kupfer werden ca. 145 t Erze gefördert. Aus den Folgeprozessen entstehen hohe Abfallmengen, die umweltverträglich entsorgt werden müssen. Vorbehandlung im Rohstoffland zu Konzentraten von 25 - 35 % Cu, die in Verbraucherländern verhüttet werden. Bei der Verhüttung hauptsächlich Emissionen aus Verbrennungsgasen und hohes Abfallaufkommen.
Wie bei vergleichbaren Metallen ist die Herstellung von Kupfer mit einem hohen Primär-Energieaufwand verbunden. Besonders kennzeichnend für die Kupferproduktion ist die hohe Materialintensität, die sich bereits in der Vorstufe mit bedeutenden, z.T. giftigen Reststoffen aus Abraum und Abfällen auswirkt. Gelöstes Kupfer wirkt durch Eintrag in die Umwelt als toxisches Schwermetall. Aus Kupferdächern und -Fassaden kann durch Korrosion ein hohes Belastungsmaterial in die Umwelt gelangen. Aus Kupferrohren entnommenes Wasser kann evtl. zu gesundheitsschädlichen Beeinträchtigungen führen.

Und jetzt kann dieses wahre Wundermetall mit Blei verglichen werden, falls daraus Jagdgeschosse gefertigt werden. Hinsichtlich der Bedenklichkeit ist ein Bleikern mit einem Kupfermantel umhüllt eigentlich nur als Verschlimmbesserung zu bezeichnen. Aber selbst die Vernickelung der Stahl- oder Tombakmäntel (nicht nur) von Bleikerngeschossen ist kritisch zu sehen, weil Nickel für Allergien bekannt ist, was bei Geschossen jedoch genauso wenig zur Wirkung kommt, wie versehentlich verschlucktes Geschossblei.

Neue Alternativen zu Bleikerngeschossen
Inzwischen haben sich drei Hauptgruppen abgezeichnet. Sog. „Solids“ sind massiv-homogene Geschosse. Ein typischer Vertreter dieser Gruppe ist das „Impala“, das im Wesentlichen wie ein VM-Geschoss aussieht und auch so wirkt. Es gibt keine Splitter ab, pilzt nicht auf und überschlägt sich nach entsprechender Eindringtiefe. Wegen dieses Verhaltens bedarf es eines größeren Geschossdurchmessers, um bei Ein- Durch- und Ausschuss eine ausreichende Verletzung herbeizuführen.
Eine verbesserte Version stellen die Solids dar, deren Kopf Sollbruchstellen zur Bildung von Geschossfahnen enthält. Als „Starthilfe“ dienen Hohlspitzen oder kleine Kunststoffeinsätze wie bei den Trophy Bonded und Barnes-Geschossen. Die meisten der Kupferlinge haben keinen glatten Geschossschaft wie z.B. das Lapua Naturalis, sondern Führungsringe um den Durchpresswider-stand im Lauf zu minimieren. Die früher schwierig zu fertigenden Verbundgeschosse sind verbesserte Bleikerngeschosse, bei denen der Kern im Mantel quasi eingelötet ist. Dadurch wird ein herausschießen des Kernes aus dem Mantel mit Sicherheit verhindert. Zu dieser Gruppe zählen das Swift A-Frame, das Blaser CDP, Nosler Accubond, Speer HotCore und andere. Interessanter Weise forcieren die USA gerade die Verbundgeschosse, wobei das „Fusion“ von Federal eines der bekanntesten geworden ist. Mit dem ebenfalls „gebondeten“ Evolution bietet auch die RUAG diesen Geschosstyp an, dessen Kupfermantel gegen die Verschmierung im Lauf vernickelt ist.

Während Verbundgeschosse einen Kern aus Blei aufweisen, wurden nicht zuletzt wegen der vermeintlichen Gefährlichkeit von metallischem Blei im Wildfleisch Geschosse mit Kernen aus Zink entwickelt. Die RUAG brachte das Evolution Green heraus und Brenneke das TIG und TUG nature, beide mit vernickeltem Stahlmantel. Ständig kommen neue Entwicklung auf den Markt, ohne das es zwingend erforderlich wäre, die Bleikerngeschosse abzulösen.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass Geschossteile aus Bleikernen oder auch Bleischrot durch Jagdunfälle oder Kriegsverletzungen in den menschlichen Körper gelangt sind und deren Entfernung nicht selten größeren Schaden zu Folge hat, als sie zu belassen. Viele Jäger und Kriegsteilnehmer werden trotz dieser „Bleibelastung“ erstaunlich alt. Interessehalber, habe ich von drei Rehen die durchschossenen Rippenwände röntgen lassen. Weder darin, noch in den umliegenden Wildbretteilen (Rücken oder gar Keulen, zeigten sich keinerlei Metallsplitter.

Hier können wir auch der Behauptung entgegentreten, dass mit Bleischrot angeschossene Enten an Bleivergiftung sterben. Das ist geradezu abenteuerlich, denn sie sterben nicht am Geschossblei, sondern durch Einsickern von Dreck, oder Kropf-, Magen- und Darminhalt in die Blutbahn. Ist der Blutverlust gering, ist das Leiden entsprechend lang, bis durch Blutvergiftung oder Wundbrand der Tod eintritt und wäre mit Kirschkernen geschossen worden. Das trifft genauso für anderes Feder- und Haarwild zu, das nicht alsbald gefunden wird. Die Todesfälle von Seeadlern, die Wild oder Aufbrüche gefressen haben, die Schrote oder Geschossfragmente aus Bleimetall enthalten, lassen sich zumindest hinterfragen. Warum gerade der auf Fischnahrung physiologisch gepolte Seeadler eine schärfere Magensäure haben soll, als andere Greife, Eulen oder Krähenvögel, konnte noch nicht belegt werden. Mit den von Enten aus dem Schlick und Schlamm aus dem Grund von Gewässern mühsam aufgesammelten Schroten ist es genau so, denn an Land steht den Enten ungleich mehr und leichter erreichbarer „Grit“ für die Verdauung zur Verfügung. Mit der Einführung von WE-Schrot dürfte sich nicht ändern können, denn wenn man den unbewiesenen Behauptungen Glauben schenken will, müssten auf dem Grund unserer Gewässer Hunderte wenn nicht Tausende Tonnen an Bleischrot liegen.

Blei hat als Geschossmetall einen beispiellosen Langzeittest hinter sich. Daher muss man sich allen Ernstes fragen, wer diesen Hype initiiert hat. Will man die Jagd erschweren, treibt der Lobbyismus seine Blüten, oder sind schon Menschen erkrankt oder gar verstorben. Es wäre an der Zeit, die Ökologie in einem etwas größeren Kontext zu sehen. Der Vergleich mit den Energiesparlampen ist gar nicht so weit her geholt. Vielleicht konnten diese Zeilen zur Versachlichung eines Problems beitragen, das eigentlich gar keines ist. Umso mehr verwundert es, dass einzelne Staatsforsten und der Bundesforst nur noch bleifrei jagen lassen. Die bayerischen Staatsforsten haben sich dem Vernehmen nach noch nicht festgelegt.

Ergänzung:
Während mit Nickel Eisen- und Kupfermäntel, bzw. -Geschosse galvanisch beschichtet werden, findet
Zinn als Material für Geschoss- (Teil-) kerne Verwendung,
z.B. bei Brenneke TIG/TOG nature und RWS Evo Green.
Bei beiden Geschossen ist der vordere Kern aus Zinn, der hintere aus Blei.

Zinn (Wikipedia)
Auch in großen Metallmengen ungiftig.
Einige organische Zinnverbindungen dagegen sind hochtoxisch. Die Trialkyl-Zinnverbindungen (insbesondere TBT, engl. „Tributyltin“, Tributylzinn) und Triphenylzinn wurden mehrere Jahrzehnte in Anstrichfarben für Schiffe verwendet, um die sich an den Schiffsrümpfen festsetzenden Mikroorganismen und Muscheln abzutöten. Dadurch kam es in der Umgebung von großen Hafenstädten zu hohen Konzentrationen an TBT im Meerwasser, die die Population diverser Meereslebewesen bis heute beeinträchtigen. Die toxische Wirkung beruht auf der Denaturierung einiger Proteine durch die Wechselwirkung mit dem Schwefel aus Aminosäuren wie beispielsweise Cystein.

Wie man sieht wird bei Zinn, wie bei Kupfer auch, nur der vordergründige Vorteil hervorgehoben, während man bei Blei dessen Nachteile überbetont. Interessant ist hierzu auch eine Publikation des Bundesumweltamtes.
Auf Seite 82ff und 92ff wird auf Zinn sehr detailliert eingegangen.
Die aufwendige Primärgewinnung wird hervorgehoben, ebenso die geringe Recycling-Quote.

Zu Zinn:
Dichte 7,3
Schmelzpunkt 231°C
Preis 17,4 €/kg
offline

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SirHenry

SirHenry

Alter: 81 Jahre,
aus Fürth

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Kommentare

06.09.2013 17:36 Remmi
Interessanter Blickwinkel!
Kurz und Kompakt geschrieben, da hat man was zum nachdenken und diskutieren.
07.09.2013 14:19 Dergerl
Guten Tag SirHenry

Danke du bestätigst meine Ansichten zu dem Thema damit zu 100%

Einfach und kurz auf den punkt gebracht Sehr gut

Waidmannsheil
Dergerl
07.09.2013 17:06 SirHenry
Dergerl schrieb:
Guten Tag SirHenry

Danke du bestätigst meine Ansichten zu dem Thema damit zu 100%

Einfach und kurz auf den punkt gebracht Sehr gut

Waidmannsheil
Dergerl


Danke für die Blumen.
Es ja nicht so dass mit Kupfer alle Probleme beseitigt werden. Man hat auch welche, nur eben andere.
09.09.2013 15:40 swinging_elvis
Ja, wenn man sieht, welche Blüten das treibt... und denkende Menschen zustimmen ohne zu hinterfragen... Können einem schon seltsame Gedanken kommen. Merci! El
09.09.2013 15:43 swinging_elvis
Ja, wenn man sieht, welche Blüten das treibt... und denkende Menschen zustimmen ohne zu hinterfragen... Können einem schon seltsame Gedanken kommen. Merci! El
09.09.2013 15:47 SirHenry
swinging_elvis schrieb:
Ja, wenn man sieht, welche Blüten das treibt... und denkende Menschen zustimmen ohne zu hinterfragen... Können einem schon seltsame Gedanken kommen. Merci! El


Bei der kommenden Wahl wird sich das wieder bestätigen
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