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23.02.2013, 17.01 Uhr

Märchenjagd

Ich gebe es zu, ich bin Winterjagdfetischist! Und da hielt es mich natürlich nicht, nachdem in den letzten anderthalb Tagen nahezu 40 Zentimeter Neuschnee auf die Ostseeinsel niedergegangen waren. Der Wind hatte bereits örtlich zu deutlichen Verwehungen geführt. Aber nun war es fast windstill und noch immer schneite es, obwohl der Mond ganz deutlich durch den niederfallenden Schnee zu erkennen war.
Ja, solche Wetterlagen gab es gelegentlich im Winter. Kalter Nordostwind führt über der vergleichsweise warmen Ostsee dazu, dass Wasser verdampft, in der kalten Luft kondensiert und zu Schnee auskristallisiert. Und kaum gelangen diese Wolken über Land, schneit es wieder ab. Dann kommt es schnell dazu, dass auf der Insel reichlich Schnee fällt, doch mit jedem Kilometer landeinwärts fällt weniger Schnee...

Der Weg in´s Revier hatte es in sich. Die Schneehöhen waren bereits so, dass sich vor meinem Nissan der Schneee aufschob. Und dabei hatte ich schon erhebliche Umweg auf mich genommen, um den Strecken mit Verwehungsgarantie auszuweichen. Irgendwann aber war ich in der Nähe der Kirrung. Das Licht des X-trail hatte ich längst aus, tastete mich langsam den Weg entlang. Noch 50 Meter, dann ließ ich das Auto stehen. Leise und ganz vorsichtig öffnete ich die Fahrertür und lauschte: das einzige, was ich zu hören bekam, war der niederrieselnde Schnee. Ein leises und stetes Rascheln erfüllte den Wald.
Langsam und leise packte ich meine Plünnen zusammen, schulterte den Repetierer und stapfte vorsichtig und leise Richtung Kirrung. Nach gefühlt jedem Schritt kontrollierte ich den Hochwald vor mir mit dem Fernglas. Ich musste damit rechnen, dass die Sauen bereits da waren. Und wenn dann auch noch reichlich Verjüngung die Sicht beeinträchtigt, kann man gar nicht vorsichtig genug sein...

Ich wählte den offenen Ansitzbock westlich der Kirrung. Der Wind kam von Ost. Die Sauen würden entweder von Norden oder von Südosten kommen. Der gewählte Ansitzbock stand nahezu am Waldrand, hinter mir offenes Feld. Selbst wenn die Sauen die Kirrung zum Windholen noch umschlagen würden, was sicher war, hier hatte ich gute Chancen...

Ich konnte mir ein leises Fluchen nicht verkneifen. Irgendwer hatte das Sitzbrett auf den Boden des Bockes gelegt. Hier war es eingeschneit und festgefroren. Ein gewaltsames Lösen fiel aus. Zu groß war die Gefahr, dass die Sauen in der benachbarten Dickung lagen. Also blieb ich stehen...

Kaum hatte ich mich entschieden, glaubte ich links von mir in der Dickung ein Knacken und anschließend eine kurzes Quieken eines Frischlings zu vernehmen. Sofort konzentrierte ich mich auf den von dort an die Kirrung führenden Wechsel. Doch es blieb ruhig. Lediglich der Wind frischte etwas auf, so dass in den Baumkronen hier und da ein paar Zweige knackten. Aber zunächst blieb es ruhig auf dem Wechsel.
Ich inspizierte immer mal wieder auch die anderen Seiten des Waldes um auch ja nichts zu verpassen.
Ein Schatten strich in meine Richtung, drehte aber kurz vor mir ab und verschwand ziwchen den Bäumen. Wenig später klang es aus der Richtung wie fragend "kuwitt, kuwitt...?"
Herr Waldkauz antwortete kurze Zeit später...

Mein Blick nach rechts ließ mich urplötzlich erstarren: keine 30 Meter rechts von mir schob sich ein einzelnes stärkeres Stück Schwarzwild aurch den Schnee, kam direkt auf mich zu, um schließlich Richtung Kirrung zu ziehen. Mein Adrenalinspiegel war sofort auf Höchststand geschossen.
Kurz vor der Kirrung verharrte das Stück, sicherte sehr ausgiebig, holte immer wieder Wind, beinahe wie eine Ricke im Getreide...
Dann betrat das Stück ganz vorsichtig die Kirrung, um sofort wieder nach rechts abzuspringen. Doch schon hinter den ersten Bäumen verharrte es.

Ich erwartete eigentlich weitere Sauen, da ich in den Tagen zuvor drei Überläufer oder starke Frischlinge gefährtet hatte. Doch das Stück hier schien mir zu stark zu sein. In der Zwischenzeit hatte ich das Fernglas endlich oben, musterte das Stück genau. War es nun eine Bache oder ein Keiler. Die klassische Keilerform hatte das Stück jedenfalls nicht. Wenn, dann war es vielleicht ein Überläuferkeiler. Als blieb die Waffe zunächst stehen.

Ich genoss die Situation, begutachtete ausgiebig das Stück und versuchte zu klären, um was es sich hier denn nun handelte. Mehrfach vermeinte ich das Kurzwildpret erkennen zu können. Dann wieder war die Bauchseite im hohen Schnee nicht mehr zu sehen. Aber nachdem die Kirrfläche durch den Schwarzkittel zunehmend beräumt wurde, war das Stück schließlich eindeutig als Keilerchen, wohl Überläuferkeilerchen anzusprechen.

Die Stimmung war einmalig! Es war beinahe taghell. Schneeflocken tanzten zahlreich nieder und dennoch war der Mond verschleiert am Himmel zu erkennen. Mich erinnerte diese Situation und Stimmung an Bilder, die man in Büchern findet, wenn von Jagden auf Sauen bei Schnee und Mond berichtet wird. Immer hattte ich mir ein solches Erlebnis gewünscht. Doch die Winter auf Rügen sind meist wenig winterlich. Und wenn es Winter ist, dann oft nur wenige Tage.
Aber diesmal, ja diemal passte alles: Sau im Schnee im Gebräch stehend, Schneefall mit Mondschein... Was will ich mehr...? Ich fror nicht, mein Rücken meckerte nicht mit mir, es war so unglaublich still. Lediglich der Überläuferkeiler störte mit seinem Geschmatze diese erholsame Ruhe.

So lehnte ich mich an die Seitenwand des Ansitzbockes und sog alles in mich auf. Ich wollte diese einmalige Situation nicht durch einen Schuss beenden.
Der Keiler blieb jedoch unruhig, suchte immer, wenn er wieder ein paar Maiskörner im Gebräch hatte die Deckung der Bäume auf. Das ging wohl eine halbe Stunde so, ehe man merkte, dass die Vorräte der Kirrung offensichtlich zur Neige gingen. Das Keilerchen wurd langsam noch unruhiger, zog immer weitere Kreise um die Kirrung.
Ich haderte mit mir. Eigentlich... aber andererseits macht das Bäuerchen momentan ganz schön Druck. Die Schäden haben in diesem Jahr trotz aller Bemühungen ein bisher nicht gekanntes Niveau erreicht.

Kaum ist die Kugel raus, ärgere ich mich doch. Das Keilerchen, bei dem die Waage zu Hause 75 kg zeigen wird, liegt 60 Meter vom Anschuss entfernt.
Ich habe schon so was wie ein schlechtes Gewissen. Erst genieße ich das Bild des Keilers im Schnee, um ihn dann schließlich in´s Jenseits zu befördern...
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Rapsjaeger

Rapsjaeger

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aus Rapsfeld
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Kommentare

23.02.2013 17:31 Stephan83
Waidmannsheil zum Keilerchen!
Das Gewissen nach dem Schuss gehört doch zur Jagd dazu, man freut sich über die Beute, und denkt über das Leben nach das man gerade beendet hat.
Ansonsten wäre man doch kein Jäger, sondern ein bloßer Schädlingsbekämpfer!

Gruß und Wmh, Stephan
23.02.2013 19:48 Waldlaeufer7x64
Toll geschrieben, vor allem die Gedanken nach dem Schuss sind gut wiedergegeben. Sowas hat glaub ich jeder mal!
24.02.2013 07:49 swinging_elvis
Waidmannsheil zum Erlebten! Auch ich meine, dass das rdgelmäßige In-Frage-stellen dessen, was wir tun, uns erst zum rechten Jäger macht! Das Ende Deiner Geschichte und den inneren Zwiespalt hätte ich vielleicht noch mehr ausformuliert... Gruß, el
24.02.2013 21:51 Rapsjaeger
Stephan83 schrieb:
Waidmannsheil zum Keilerchen!
Das Gewissen nach dem Schuss gehört doch zur Jagd dazu, man freut sich über die Beute, und denkt über das Leben nach das man gerade beendet hat.
Ansonsten wäre man doch kein Jäger, sondern ein bloßer Schädlingsbekämpfer!

Gruß und Wmh, Stephan


Sicher, es gibt jagdliche Situationen, da zweifelt man nicht. Dann wieder...
Allerdings: einen Überläuferkeiler kann man erlegen - aus wildschadenssicht muss man es aber nicht. Und das hat mich eben hinterher zweifeln lassen, ob das, was ich tat wirklich sein musste...
24.02.2013 21:52 Rapsjaeger
Waldlaeufer7x64 schrieb:
Toll geschrieben, vor allem die Gedanken nach dem Schuss sind gut wiedergegeben. Sowas hat glaub ich jeder mal!



Das hoffe ich zumindest...
24.02.2013 21:53 Rapsjaeger
swinging_elvis schrieb:
Waidmannsheil zum Erlebten! Auch ich meine, dass das rdgelmäßige In-Frage-stellen dessen, was wir tun, uns erst zum rechten Jäger macht! Das Ende Deiner Geschichte und den inneren Zwiespalt hätte ich vielleicht noch mehr ausformuliert... Gruß, el


Weidmanns Dank! Hätte man wohl machen können. Aber ich wollte weniger den moralischen betonen, den ich dort hatte...
24.02.2013 22:07 esau
'ne schöne Sauerei!
Du kannst es tatsächlich nicht lassen!? Weidmannsheil
Und ich dachte schon, ich hätte ganz ordentlich Sauen erwischt.
24.02.2013 22:09 Rapsjaeger
esau schrieb:
'ne schöne Sauerei!
Du kannst es tatsächlich nicht lassen!? Weidmannsheil
Und ich dachte schon, ich hätte ganz ordentlich Sauen erwischt.


Weidmanns Dank! Stimmt, ich kann es nicht lassen! Wär heute fast wieder losgerannt. Habe aber zu lange gebraucht, um meinem Keilerchen das Jacket auszuziehen. Aus dem lass ich gleich noch mal ein paar Würste machen...
24.02.2013 22:19 esau
Rapsjaeger schrieb:
Weidmanns Dank! Stimmt, ich kann es nicht lassen! Wär heute fast wieder losgerannt. Habe aber zu lange gebraucht, um meinem Keilerchen das Jacket auszuziehen. Aus dem lass ich gleich noch mal ein paar Würste machen...

...seeeehr gut!!!! :
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