Zur mobilen Version wechseln »
Jagd-VideosCommunityMediadatenNewsletterFormulare & Vordruckejagderlebenlandlive.deANVISIERTPRAXISSERVICEMARKTJAGD-WETTERAPPSPirschunsere JagdNiedersächsischer JägerDer Jagdgebrauchshund
Erweiterte Suche »
UploadChatForenFotosFotoalbenVideosBlogsTermineMitgliederGruppenPartnersuche

Am Rande der Jagd...

(2 Einträge)

auf dem Weg zum Schlafplatz ... ...
329 mal angesehen
10.10.2012, 23.40 Uhr

Erlebnis Kranichrast

Eigentlich wollte ich nach der Arbeit noch schnell mit meinem zotteligen Klettenfänger im Revier abfährten. Der Mais ist runter, die Sauen sind mit heiler Schwarte davon gekommen, weil zwei Mitjäger beschlossen hatten, sich nicht der Gefahr von Nachsuchen auszusetzen. Gut, 50 Meter Entfernung zwischen Ihnen und den trollenden Sauen sind auch definitiv zu viel für einen Schuss. Aber ist egal und sicher sogar besser, als solche Jäger, denen beim Anblick auswechselnder Sauen die Nerven durchgehen...
Aber es kam natürlich anders. Viel zu spät kam ich aus dem Büro. Der Weg zum Revier war zu weit für eine Tour. So beschloss ich, lieber zu einer potentiellen Äsungsfläche der Kraniche zu fahren. Ich habe in dem Bereich ohnehin einen Monitoring-Auftrag und wollte auch außer der Reihe mal sehen, was dort los war. Also geht es dorthin. In der Nacht von Sonntag auf Montag hatte ich nachts massive Zugbewegungen von Kranichen aus Ost nach Rügen bemerkt. Es scheint also einen Wechsel im Rastbestand gegeben zu haben.
Ohnehin wechseln die Rastbestände auf Rügen im Laufe des Herbstes. Zunächst finden sich ab Anfang August vor allem einheimische Kraniche der vorpommerschen Population an den Herbstrastplätzen auf Rügen ein. Ab etwa 8.-10. September trudeln vermehrt skandinavische Kraniche ein. Erst Ab Ende September werden die Rastbestände von zahlreichen Kranichen aus dem Baltikum, also Finnland, Lettland, Estland und Polen ergänzt. Das konnten wir in den vergangenen Jahren durch eine intensive Suche nach markierten Kranichen in den hiesigen Rastgemeinschaften nachweisen.
Gleichzeitig stiegen die Rastbestände in der Rügen-Bock-Region bis heute an und erreichen mittlerweile Spitzenwerte von über 60.000 Kranichen, die zeitgleich hier anwesend sind. Diese Spitzenwerte werden meist zwischen dem 10. und 15. Oktober erreicht. Danach setzt oft schon verstärkt Abzug ein.
Die Ursachen für diesen Anstieg sind sehr vielfältig. Neben einem tatsächlichen Anstieg der Brutpaarzahlen in Europa spielt offensichtlich auch eine Verlagerung von Zugwegen eine Rolle, die eben dafür sorgt, dass ein Teil der Kraniche, die früher aus dem Baltikum über Ungarn in die Winterquartiere gezogen sind heute die Westroute über Deutschland nach Frankreich und Spanien nutzt.
Ich bin also sehr neugierig, was ich vorfinden werde auf dem Südwestteil von Rügen.
Tatsächlich kann ich an besagter Fläche eine große Äsungsgemeinschaft entdecken, die mindestens etwa 1.800 Kraniche umfasst. Das Gelände ist recht kuppig, ein Teil der Kraniche ruht gerade in einer sehr gut entwickelten Rapssaat. Der größere Teil äst auf einer benachbarten Maisstoppel in unmittelbarer Nähe der Bundesstraße. Mit dem Spektiv mustere ich den Trupp und suche nach beringten Kranichen. Lediglich zwei kann ich finden. Beide stammen aus Schweden und sind schon alte Bekannte von mir. Ich habe beide Vögel bereits mehrmals in früheren Jahren auf Rügen kontrolliert.
Der Sonnenuntergang naht, das Licht schwindet und ich habe zunehmend Schwierigkeiten, mit meinem Spektiv bei 45facher Vergrößerung noch die Farben der Ringe vernünftig zu erkennen. Aber genau diese muss ich gut erkennen können, da die Kraniche mit Farbkombinationen individuell markiert werden und daran eben auch erkannt werden können. Also packe ich mein Spektiv zusammen und gehe zum Auto. Erst jetzt bemerke ich die für hiesige Herbstabende nicht untypische Lichtsituation. Der bedeckte Himmel hat etwas aufgerissen, es wandern beeindruckende Haufenwolkenformationen über den Himmel. Die eigentlich teilweise zumindest tiefschwarzen Haufenwolken werden von der untergehenden Sonne in das typische orange und später rote Licht getaucht. Und gerade jetzt beginnen die Kraniche, die Äsungsfläche zu verlassen und dem Sonnenuntergang entgegen zu den Schlafplätzen im Flachwasser der Boddengewässer. Ich stehe mit Kiro und beobachtete das beeindruckende Geschehen. Mit lauten Rufen fliegen riesige Ketten von Kranichen hintereinander über mich hinweg gen Sonnenuntergang. Klar und deutlich können die Rufe der Altkraniche von den piepsenden Rufen ihrer Jungkraniche unterschieden werden. Dieses Spektakel ist für die Kraniche sehr wichtig. So halten in dem Gewimmel die Familien zusammen. Immerhin halten die Familienbande bis zum Frühjahrszug. Erst dort oder spätestens bei Ankunft im Brutrevier selbst trennen sich die Paare von den Jungen. Diese müssen dann allein zurechtkommen, schließen sich oft zu Trupps zusammen und vagabundieren zunächst für einige Jahre umher, ehe sie selbst einen Partner finden und ein Revier suchen.
Es ist ein wahnsinniges Erlebnis, welches sich mir einmal mehr bietet. Der Himmel brodelt, einerseits wegen der Wolkenformationen, die bei den imposanten Lichtverhältnissen den Eindruck machen, der Himmel sei eine Waschküche. Andererseits beeindruckt mich einmal mehr das Spektakel tausender Kranichstimmen am Himmel. Und das, obwohl ich es schon so oft erlebt habe. Ich vergleiche das Erlebnis durchaus mit der Rotwildbrunft. Der abendliche Schlafplatzflug steht der Rotwildbrunft aus meiner Sicht keinesfalls nach. Die Krönung der Erlebnisse ist für mich jedes Mal, wenn ich im September am Kranichschlafplatz stehe und die Kraniche in großen Scharen einfliegen, während hinter mir die Hirsche um das Kahlwild buhlen...
Naja, ich kann es halt trotz des genialen Eindrucks des Geschehens nicht lassen, ich versuche eigentlich immer bei solchen Gelegenheit die Zahl der Kraniche, die zum Schlafplatz fliegen, abzuschätzen. Ich komme bis zu fast völligen Dunkelheit auf 6.800 Kraniche, die über mich hinwegziehen. Dann gebe ich auf. Kraniche ziehen immer noch truppweise über mich hinweg, sind aber kaum mehr zu sehen und eben auch nicht zu zählen.
Wir dürften damit wohl gerade auf dem Höhepunkt der Herbstrast sein. Ich hatte ja nur einen Schlafplatz im Blick. Auf Rügen existieren mehrere, die zeitgleich genutzt werden. Und vorsichtig geschätzt werden wohl gegenwärtig etwa 20.000 Kraniche allein auf Rügen unterwegs sein. Hinzu kommen ja die Äsungsflächen auf der vorpommerschen Festlandseite, die wohl etwa doppelt so viele Kraniche beherbergen werden...
Auf dem Heimweg sinniere ich darüber, dass Kraniche ja im Mittelalter beliebtes herrschaftliches Wild war. Das war natürlich vorbei, als die Brutbestände im Keller waren in den 1960er Jahren. Aus diesem Tiefpunkt haben sich die Kraniche längst erholt. Und ja, man könnte Kraniche heute wohl nachhaltig und verantwortungsbewusst jagdlich bewirtschaften. Aber ich will ehrlich sein, ich hätte persönlich keine echte Freude daran, freue mich vielmehr am Erlebnis...

Eigentlich war ich erst sauer, weil zum Abfährten die Zeit nicht mehr reichte. Aber diese grandiose und beeindruckende Schauspiel hat mich einmal mehr entschädigt. - Und die Sauen sind in den nächsten Tagen wieder dran, auf der Stoppel...
offline

Geschrieben von

Private Nachricht schreiben »

Rapsjaeger

Rapsjaeger

Alter: 51 Jahre,
aus Rapsfeld
Anzeige

Schlagwörter

Bitte gib die Schlagwörter mit Komma getrennt ein.

Kommentare

11.10.2012 00:55 PPJaeger
Beeindruckend, was du schreibst und siehst,
ja ich kann es nur bestätigen.
Wie der Gesang der großen "Ketten " die über mich hinweg flogen einem dazu bringt das Glas hoch zunehmen und ihnen zu folgen.

Waihei
PP
11.10.2012 07:26 Musang
Hast Du schön beschrieben, Danke
Ja, es ist immer ein grandioses Schauspiel, bei dem man von Trupps kaum noch reden kann. 50Stk sind für mich schon Kette
LG in den lärmerfüllten Norden
11.10.2012 10:19 Dackelbiene
Super ... allein schon die Foto's !!!
Halt uns doch mal auf dem Laufenden, aus welchen Regionen markierte Vögel grad rasten. Fände ich echt interessant.

Viele Grüsse
11.10.2012 11:30 Naith
Schön, und Sau kommt fast immer.
11.10.2012 14:23 Rapsjaeger
Dackelbiene schrieb:
Super ... allein schon die Foto's !!!
Halt uns doch mal auf dem Laufenden, aus welchen Regionen markierte Vögel grad rasten. Fände ich echt interessant.

Viele Grüsse


Aktuell sind alle potentiellen Herkünfte vertreten, von Norwegen über schwedisch Lappland, Finland bis nach Estland. Auch ein heimisches Paar, dessen einer Partner vor 10 Jahren auf dem vorpommerschen Festland geboren und beringt wurde und das sich auf Rügen angesiedelt hat und hier brütet und in diesem Jahr einen Jungkranich führt ist noch da.

Interessanterweise finde ich aber unseren einzigen in diesem Jahr auf Rügen beringten Jungkranich nicht mehr. Ob er nun schon abgezogen ist oder nur unerkannt in den großen Trupps mit seinen Eltern unterwegs ist (man kann trotz größter Bemühungen nicht alle Ringvögel finden), weiß ich nicht. Er ist jedenfalls seit Mitte September nicht mwehr beobachtet worden von mir und auch woanders wohl noch nicht gesehen worden...
11.10.2012 14:24 Rapsjaeger
Naith schrieb:
Schön, und Sau kommt fast immer.


Das hoffe ich! Da sind sie. Nun müssen sie sich nur noch mal zeigen...
11.10.2012 15:22 sau_hund
tolle Fotos und eine ansprechende Beschreibung
11.10.2012 15:25 Rapsjaeger
sau_hund schrieb:

tolle Fotos und eine ansprechende Beschreibung


Freut mich, wenn´s gefällt. Ich bin ja immer sehr dafür, auch als Jäger ein wenig über den rein jagdlichen Tellerand hinauszusehen...
11.10.2012 19:07 esau
Am WE war ich mit Opa Hoppe draussen.
Wir wollten ausnahmsweise ein...zwei Gänse mit der Kugel auf der Roggensaat (nach gemulchtem Mais erlegen. (vergeigt ).
Aber wie sich die erste Flügen vom See erhoben(Gänse ,und Kraniche),wie immer noch einer Kreise zog ,einfiel,und es immer lauter wurde,von Zappenduster über Morgerot bis herrlichstem Sonnenschein,einfach wunderbar,entschädigte es mehr als reichlich für den ausbleibenden Jagderfolg.
(wir konnten die Gänse auf 40 Gänge aus einer angrenzenden Kieferndickung sehen)
Und Kraniche waren zu hunderten dabei.
Die unterschiedlichen Rufe,das Trompeten der Alten und das eher Piepsen der Jungen,konnten wir direkt über unseren Köpfen hören.
Die Ketten am abenteurlich gefärbten Himmel verleitenzumTräumen,Sinnieren,Philosophieren. Ich versteh dich sehr gut!
(Auch wenn wir "unsere" Kraniche den Ganzen Sommer haben.)
11.10.2012 20:42 Dackelbiene
Rapsjaeger schrieb:
Freut mich, wenn´s gefällt. Ich bin ja immer sehr dafür, auch als Jäger ein wenig über den rein jagdlichen Tellerand hinauszusehen...



Unsere Jungkraniche haben es dies Jahr auch fast alle über den ersten Sommer geschafft. Leider war das in den vergangenen Jahren selten der Fall. Die Jungvögel verschwanden Stück für Stück - selbst halbflügge . Hab diesbezüglich unsere Borstentiere im Verdacht ...
12.10.2012 06:59 Rapsjaeger
Dackelbiene schrieb:


Unsere Jungkraniche haben es dies Jahr auch fast alle über den ersten Sommer geschafft. Leider war das in den vergangenen Jahren selten der Fall. Die Jungvögel verschwanden Stück für Stück - selbst halbflügge . Hab diesbezüglich unsere Borstentiere im Verdacht ...


Ja, die schwarzen Gesellen sind da nicht ganz unschuldig. Von einem guten Freund, der sich schon lange sehr intensiv auch um die Erhebung brutbiologischer Daten beim Kranich bemüht, habe ich mir erzählen lassen, dass ein sehr dominanter Gelegeräuber gegenwärtig Lutra lutra ist...
Wie sollen wir uns jetzt nur verhalten...???
13.10.2012 21:24 Hardy64
Tolle Bilder
14.10.2012 07:45 Jaegerbursch
Hallo Rapsjaeger,

ein sehr schöner Bericht mit grandiosen Fotos!

Weil du den Vergleich zur Rotwildbrunft gezogen hast:

[jagderleben.landlive.de]

Beste Grüße Jaegerbursch
Tipp für iPhone-Benutzer: Du kannst alle Kommentare durchblättern, indem du zwei Finger zum Scrollen verwendest.
Anzeige
Zum Seitenanfang