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Gelbe Sau auf gelbem Grund

und andere Erlebnisse mit Wachtelhunden (2 Einträge)

Erlegt...
726 mal angesehen
02.12.2009, 12.41 Uhr

Nahkampf im Schilf

Wenn alles glatt geht beim Schuss, braucht man keinen Hund - außer vielleicht,um eine Totsuche im unübersichtlichen Gelände abzukürzen. Nun wäre Jagd aber nicht Jagd, wenn immer alles glatt gehen würde. So geschehen heute Nacht. Zunächst scheint alles glatt zu laufen. Die Sauen drücken sich am Rande des Schilfes in der Nähe ihres Ein- und Auswechsels umher. Mal sind sie vage als dunkle Klumpen zwischen den letzten Schilfhalmen und Weidenruten wahrzunehmen, mal höre ich sie nur.

Es ist die übliche Prozedur, bevor die ganze Rotte auswechselt. Daher stehe ich ruhig im Halbanschlag an meinem Pirschdreibein und warte. Ich kenne die Gewohnheit der Sauen, erst längere Zeit im Randbereich des Schilfs zu sichern, und bleibe daher gelassen. Der Wind steht gut. Wenn nichts mehr schief läuft und sie mich nicht wahrnehmen, müsste ich ich über kurz oder lang zu Schuss kommen.

Da! Die erste beiden Frischlinge treten aus auf die freie Fläche. Ich backe an und nehme einen der beiden ins Absehen. Aber das Stück ist sehr unruhig, wuselt hierhin, wuselt dahin, dreht sich um sich selbst, als wüsste es nichts mit sich und der Welt anzufangen. Immer wieder muss ich den Sitz der Waffe und die Stellung des Dreibeins korrigieren, um auf dem Stück zu bleiben. An einen sauberen Schuss ist nicht zu denken.

Dann erscheint die Bache auf dem Plan. Ein schlaues, starkes Stück, dass mir schon manches Kopfzerbrechen bereitet hat. Sie ahnt auch diesmal die Gefahr. Denn am Himmel strahlt ein heller, frostklarer Vollmond und übergiesst alles mit seinem kalten Licht. Sauensonne! Sie weiß aus Erfahrung, dass bei so hellem Licht die Jäger garantiert unterwegs sind. Mit resolutem Gegrunze und Knüffen ihres Gebrächs versucht sie, ihre beiden Frischlinge ins sichere Schilf zurückzuweisen.

Ich weiß auch aus Erfahrung mit dieser Bache: Wenn ich jetzt nicht fertig werde, ist die Chance vertan. Es kann Stunden dauern, bis die Sauen erneut auf diesem Wechsel erscheinen. An Hinterherpirschen aber ist in dem frostknisternden Gras nicht zu denken. Ich muss fertig werden, bevor die Schwarzkittel wieder im Schilf verschwinden. Jetzt zählen Sekunden.

Der eine Frischling ist bereits im Schilf verschwunden, der andere versucht noch, sich den Anweisungen der Bache zu widersetzen. Dann wendet auch er sich dem Schilf zu und trollt sich. Jetzt ist er breit! Darauf habe ich gewartet. Ich ziehe mit - und lasse fliegen.

Das Stück geht ab, die Bache auch. Ins dichte Schilf! Kurz höre ich die gesamte Rotte wie einen wilden Tornado durchs Schilf patschen und brechen, dann herrscht atemlose Stille. Man könnte eine Maus niesen hören.

Ich bleibe stehen, bezwinge meine Ungeduld. Ich konnte kein Schlegeln vernehmen und auch sonst nichts beobachten, was auf einen absolut tödlichen Schuss hingedeutet hätte. Am Anschuss liegt das Stück ebenfalls nicht. Ich hätte es sonst mit meinem Glas sehen müssen.

Bei einem unklaren Treffersitz ist Hektik und Eile am Anschuss das Schlimmste, was man machen kann. Ein Stück, was dicht beim Anschuss ins Wundbett gegangen ist, wird dann nur aufgemüdet und geht mitunter noch viele hundert Meter weit. In dem Schilfdschungel, den ich bejage, würde das unter Umständen bedeuten, dass das Stück für den Jäger für immer verloren ist, denn es gibt moorige Bereiche, die sind für Menschen unpassierbar beziehungsweise nur unter Lebensgefahr zu betreten. Ein krankes Stück, was sich dort einschiebt, ist weder zu finden noch zu bergen.

Erst nach einer halben Stunde suche ich den Anschuss auf. Schnell finde ich, was ich NICHT finden wollte: zwei Wildbretfetzen und Inhalt vom Weidsack. Das Stück ist weidwund - und lebt mit großer Wahrscheinlichkeit noch.

Jetzt beginnen die Selbstzweifel und Fragen: War es ein Fehler, das ziehende Stück zu beschießen? Ist es ins Wundbett gegangen oder mit der Rotte mitgezogen? Wie weit ist es in den Schilfdschungel gezogen? Ich weiß, dass in dem Bereich, wo die Rotte auswechselte, das Moor nur ungefähr 100 Meter begehbar ist - auf Sauenwechseln, die jetzt knietief unter Wasser stehen. Noch weiter drin wird das Moor unberechenbar und lebensgefährlich.

Ich fahre nach Hause und lasse zwei Stunden vergehen. Ungewisse Stunden, in denen man mit sich, der Jagd und den speziellen Umständen des Reviers hadert. Das immer wiederkehrende "Hätte", "Könnte" und "Würde". Danach steht mein Entschluss fest: Ich werde das Stück nur mit meinem einen Wachtel suchen und stellen - mit meinem Schecken. Entweder das Stück hat sich innerhalb der ersten 100 Meter ins Wundbett begeben - oder es ist so oder so verloren.

Steckt es aber im Wundbett, kann ich es mit dem Scheckenwachtel allein kriegen. Das weiß ich von früheren Nachsuchen- und Drückjagdsituationen. Der Hund unterscheidet zwischen gesunden und kranken Stücken, und er stellt scharf, aber mit Verstand. Er kann seine Kräfte und die seines Gegners gut einschätzen und weiß, wann er rangehen muss, und wann es besser ist, das Stück nur zu verbellen. Außerdem kann ich ihn mit Pfiffen und Worten am Wild lenken - notfalls auch aus der Ferne. Wir beide sind durch sechs gemeinsame Jagdjahre und vielen Nachsuchen ein eingespieltes Team geworden, und ich kann mich auf ihn verlassen. Er hat bei einer seiner Nachsuchen auf einen Überläuferkeiler sogar das Leistungszeichen "Schweiß natur an wehrhaftem Wild" im praktischen Jagdbetrieb erworben.

Ich schnalle den Hund am Anschuss: "Such verwundt mein Hund". Riemenarbeit bringt uns hier gar nichts, der Riemen würde den Hund im Schilf nur behindern. Ich vertraue ganz allein seiner Erfahrung und seinem Jagdverstand. Der Hund geht mit tiefer Nase ab ins Moor. Das Letzte, was ich von ihm sehe, ist seine wedelnde Rute, die mir zeigt, dass er auf der Krankfährte ist. Jetzt hängt alles an ihm!

Kurze Zeit später ertönt ein ohrenbetäubender Lärm, nur 30-40 Meter vor mir im Schilf. Dunkler Laut des Hundes mischt sich mit quiekenden Frischlingen und knurrender Bache. Der Hund ist auf die Rotte gestoßen und haut sie auseinander! Er ist auf sich allein gestellt, hat nur die Erfahrung und die Überraschung auf seiner Seite. Es platscht wie bei einer Horde Wasserbüffel.

Das Schilf rauscht, bricht und prasselt, als ob ein Hagelsturm losbricht. 20 Meter links neben mir stürmt die Rotte ins Freie auf die Wiese, kopflos, führungslos, Frischlinge und stärkere Stücke in heilloser Flucht. Wo mein Wachtel "umräumt", bleibt kein Schwein auf dem anderen!

Ich verhöre wieder in Richtung Schilf. Denn der Hund gibt erneut dunklen Standlaut, dann höre ich wildes Knurren und das Klagen einer einzelnen Sau. Er hat ihn! Ich orientiere mich akustisch und gehe den Laut langsam auf einem halbmeterbreiten Sauenwechsel an. Zum Glück ist der Mond so hell, dass ich keine Lampe dazu brauche. Rechts und links neben mir steht das Schilf zwei Meter hoch, aber ich kann mich nach dem Knurren des Hundes und dem Grunzen und Klagen der Sau richten und komme zügig in Richtung des Keifs voran.

Plötzlich weicht das Schilf rechts und links vor mir zurück. Die Szenerie öffnet sich zu einem kreisrunden, schlamm- und wassergefüllten Kessel von vielleicht fünf Meter Durchmesser.

Das kalte, harte Licht des Vollmondes beleuchtet ein Bild brachialer Wucht, ein Bild aus dem Anbeginn der Zeit. Der ewige Kampf zwischen Raubtier und Beute, zwischen Leben, das töten will, um zu leben, und dem Leben, das überleben will. Der Frischling unten, der Hund oben. Jeder Versuch des Frischlings, dem tödlichen Wasserkessel zu entrinnen und wieder festen Boden unter die Läufe zu bekommen, vereitelt der Hund mit einem Griff zum Teller, der das Stück umreißt und zurückwirft in Schlamm und Wasser. Dann wirft er sich auf das Stück, um es unter Wasser zu drücken. Der Kampf wogt hin und her. Der Frischling, obwohl körperlich und gewichtsmäßig dem Hund überlegen, hat keine Chance gegen die angewölfte Entschlossenheit des Raubtieres, seine Beute nicht mehr entkommen zu lassen.

Für mich ist die Situation kompliziert. Ich komme nicht heran, um das Stück mit der kalten Waffe abzufangen. Der erste Schritt in den Kessel - und ich versinke bis übers Knie ins eiskalte Gemisch aus schwarzem Wasser und stinkendem Schlamm. Nur mühsam kann ich mich befreien, indem ich mich an einem Bündel Schilfhalme festhalte und den Stiefel herausziehe. Ich habe den Stiefel voller Wasser, aber das spüre ich jetzt nicht.

Es hilft nichts - ich muss einen Fangschuss abgeben! Ein scharfer Pfiff, ein hartes "Hier" - und der Wachtel lässt ab vom Stück. Es weiß: Gleich knallt's!Es dauert weniger als eine Sekunde. Der Frischling rappelt sich auf, steht breit - Schuss! Langsam sinkt der Schwarzkittel zur Seite, das Leben in ihm verebbt. Ruhe. Der Hund prüft es mit einem Biss in die Drossel, lässt dann ab. Das Stück ist zur Strecke gekommen.

Die Bergung ist eine Strapaze. Ich muss es unaufgebrochen aus Moor und Schilf ziehen, damit der Bauchraum nicht verunreinigt und das Stück als Lebensmittel entwertet wird. Allein! Und das Stück wiegt auch aufgebrochen immer noch über 30 Kilo, wie sich später herausstellt.

Irgend jemand hat mal gesagt, dass man für jedes Kilo Sau zwei Kilo Hund braucht, um sie zu binden. Dieser Jemand hatte in seiner Rechnung die wilde Entschlossenheit meines sauenerfahrenen Wachtelhundes nicht einkalkuliert. Dieser Hund wiegt nur 25 Kilo - aber das hat gereicht!
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ssquat

ssquat

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Kommentare

02.12.2009 12:55 beverbrucher
Waidmannsheil zu der spannenden szene!Ihr müsst wirklich ein SUPER Team sein ihr zwei .. Auf das noch viele Schwarzkittel folgen!!!
Lg Marcel
02.12.2009 13:07 ssquat
beverbrucher schrieb:
Ihr müsst wirklich ein SUPER Team sein ihr zwei!!!

Ja, das weiß ich. Jetzt ist er auf dem Zenit seines Könnens. Ob ich je wieder einen Wachtel bekomme werde wie ihn, wenn er eines Tages nicht mehr ist?
Waidmanndank!
02.12.2009 13:26 SauerlaenderJung
Wahnsinnsgeschichte, hab richtig mitgefiebert und ich hab mich dabei erwischt, wie ich mir selbst das kalte Wasser aus den Schuhen schütteln wollte. Weidmannsheil dir und deinem Hund! Ein super Team!
02.12.2009 13:34 Spisser
Weidmanns- und Wachtelheil!
Du solltest Wachtelschriftsteller werden...spannend erzählt, mit dem nötigen Maß Selbstbewußtsein...
Spisser
02.12.2009 14:02 ssquat
Spisser schrieb:
Weidmanns- und Wachtelheil!

Du solltest Wachtelschriftsteller werden...spannend erzählt, mit dem nötigen Maß Selbstbewußtsein...

Spisser

Ich hätte sogar Spaß daran, denn ich habe mit meinen beiden Wachteln schon viele Jagdabenteuer erlebt. Ich kann mir ein Jägerdasein ohne Wachtel nicht mehr vorstellen. Was hätte ich ohne sie alles verpasst!
Mal sehen, wenn Zeit ist, schreibe ich noch ein paar Abenteuer hier nieder - alte wie neue. Ich könnte mir vorstellen, dass manches davon auch für Nichtrüdemänner interessant ist - und Lust auf einen eigenen Hund macht. Für mich steht fest: Jäger ohne Hund ist nur halber Jäger.
02.12.2009 14:03 ssquat
SauerlaenderJung schrieb:
ich hab mich dabei erwischt, wie ich mir selbst das kalte Wasser aus den Schuhen schütteln wollte.

Waidmannsdank. Aber glaube mir: In diesem Moment spürst Du das Wasser nicht! DAS garantiere ich Dir!
02.12.2009 15:38 platzi
Und wieder eine spannende Erzählung!
Danke dafür und Weidmannsheil zum Erlebten!

Diether
02.12.2009 19:07 Musang
WmH Nun hattest Du ja doch Deinen Kampf im Schilf. Alter Dickschädel Spannend und anschaulich erzählt Es wird Zeit, das W. Zeiske einen Nachfolger bekommt
Und....es gehört Mut dazu, hier auch über eine schlecht angetragene Kugel zu berichten.
02.12.2009 20:04 Johannes06
Waidmannsheil!
tolle Geschichte und sag Deinem Hund ordentlich "Danke"
Grüße
Johannes
02.12.2009 21:21 Mops
Waidmannsheil! Super geschriebene Geschichte!
03.12.2009 09:11 anser
Weidmanns Heil zum Stück, Wachtelheil zum Hund!!!

Immer wieder interessant, und lehrreich...

Ja, wehe wenn sie losgelassen...!

Gruß
anser
28.12.2009 18:00 sauer202forest
Moin Ssquat....

super Erlebnis, Sauen am Schilf zu bejagen ist bestimmt ne spannende Jagd....

Gruß und Waidmannsheil Micha
28.12.2009 18:59 ssquat
sauer202forest schrieb:
Moin Ssquat....



super Erlebnis, Sauen am Schilf zu bejagen ist bestimmt ne spannende Jagd....



Gruß und Waidmannsheil Micha

Ehrlich gesagt: Meist eher anstrengend als spannend. Vor allem, wenn sie nicht im Knall liegen...
28.12.2009 22:37 sauer202forest
Ja hab ich auch schon gehört. Waren mal in Meck.-Pomm auf Jagd. Da gabs auch reichlich Schilf. Der Förster meinte zu uns, dass das Wild mindestens zehn Meter austreten muss, damit wir es beschiessen können und wenn es schuss hat und nicht liegt, immer noch draufhalten, denn NAchsuche im Schilf- wie du schon sagst- ist sehr sehr anstrengend.

Ich saß mal an so einer riesen Schilffläche (300 ha) und der Wind zog plötzlich ins Schilf. Plötzlich kam Bewegung im Schilf.

Leider hab ich an dem Morgen nichts mehr gesehen. Aber schön war es trotzdem
30.12.2009 03:37 ssquat
anser schrieb:
wehe wenn sie losgelassen...!

Braucht man nicht für Wachtel eigentlich auch einen Waffenschein???
30.12.2009 07:03 anser
ssquat schrieb:
Braucht man nicht für Wachtel eigentlich auch einen Waffenschein???

Das solltest du nicht so laut sagen - es gibt Leute in diesem Land, für die wäre so ein Spruch ein gefundenes Fressen...
30.12.2009 13:43 ssquat
anser schrieb:
Das solltest du nicht so laut sagen - es gibt Leute in diesem Land, für die wäre so ein Spruch ein gefundenes Fressen...

Na gut - ich nehm's zurück: Wachtel sind ganz liebe Couch-Potatoes.

Das Problem ist nur: Jeder, der Wachtel kennt, weiß, dass ich eben gelogen habe. Wenn ein Wachtel mal stirbt, wird er in seinem nächsten Leben nämlich als Rasierklinge wiedergeboren - das gilt als erwiesen...
27.12.2010 14:26 Hinnerk2005
Tolles Jagderlebnis! Auf diesen Hund bist du zu recht stolz! Waidmannsheil.
27.12.2010 19:09 ssquat
Hinnerk2005 schrieb:
Tolles Jagderlebnis! Auf diesen Hund bist du zu recht stolz! Waidmannsheil.

Waidmannsdank, Hinnerk. Ja, der Hund hat schon einiges "geradegerückt", was ich falsch gemacht habe. Ohne ihn wäre ich nur ein halber Jäger.
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