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Rehwild in meinem Revier

(2 Einträge)

Der Alte
638 mal angesehen
08.06.2009, 08.08 Uhr

Der Alte - ein hartes Stück Arbeit...

Gnadenlos zerreißt der Büchsenknall die abendliche Ruhe hier. Und dabei habe ich sie nach dem windigen Aprilwettertag wirklich genossen. Aprilwetter – jetzt Anfang Juni. Es war wirklich schon Juni. Und der Alte zog tatsächlich noch seine Fährte durch mein Revier.

Schon im letzten Jahr war ich hinter ihm her. Auffällig war das Gehörn. Die Stangen recht eng stehend in der Basis, sich beinahe berührend. Die Vordersprosse fast bis zur Gabelspitze reichend.
Der Bock hatte den Zenit seiner Entwicklung sicher schon überschritten. Aber es war eine interessante Trophäe und erinnerte mich an einen etwa fünfjährigen Bock, den ich vor zwei Jahren erlegen konnte. Dieser hatte eine ähnlich lange aber gleich über den Rosen angesetzte Vordersprosse, die mich zuerst an einen Dreistangenbock erinnerte. So spektakulär war dieser hier nicht.
Egal was ich veranstaltete, er trickste mich immer aus. Und das in einer Art, die schon fast an Frechheit grenzte. Nicht genug, dass ich nicht zu Schuss kam, setzte er dem Geschehen jedes Mal noch einen durch seine Unverfrorenheit drauf. Er erschien lange vor den anderen Böcken im Feld, zog gemächlich vor mir hin und her und schien genau zu wissen, dass das hinter ihm liegende Dorf für sein Leben sorgte. Die aufgestellten Leitern umschlug er großräumig. Am Boden ansitzen traute ich mich wegen eines fehlenden Kugelfangs nicht. So verging Abend um Abend, die Blattzeit ließ ihn verschwinden und ich sah in den Mond...

Anfang Mai dieses Jahres entdeckte ich ihn wieder, damals auf große Entfernung. Also galten meine Ansitze nach den Mais-Sauen-Abenden erst einmal ihm. Jüngere Böcke tauchten kaum auf, lediglich ein recht starker Jährling, dem ich ein paar Jahre gönnen wollte ließ sich am Rande des Reviers des Alten gelegentlich blicken. Aber es war wie im letzten Jahr. An Frechheit kaum zu überbieten, zog er – egal wo ich ansaß – grundsätzlich so, dass an einen Schuss nicht zu denken war. Mittlerweile war auch der Weizen so hoch, dass im Getreide stehend ein Schuss auf den Bock unverantwortlich wäre.

Aber irgendwann musste es doch mal klappen. Warum also nicht heute? Einmal mehr hatte ich den Ansitzbock umgesetzt und hoffte nun auf die richtige Position. Und einmal mehr saß ich pünktlich um 18 Uhr auf eben diesem Bock. Links von mir zeigte sich eine Ricke, zog langsam äsend Richtung Waldkante.
Endlich ließ der Wind nach, die Wolken verschwanden, die noch vor 15 Minuten für einen langen und kräftigen Schauer gesorgt hatten. Wohl selten habe ich hier um diese Zeit so viele Vögel singen hören. Die Amseln schrien sich förmlich an. Die Singdrosseln versuchten die Amseln noch zu übertrumpfen. Über mir in der Eichenkrone sang unentwegt eine Gartengrasmücke. Die Blaumeisenfamilie ging mit ihren leisen Kontaktrufen, die sie ständig vernehmen ließen fast unter... Da stand er. Keine 60 Meter vor mir mitten im Weizenfeld. Und ich hatte keine Ahnung, wo er herkam. Langsam, wirklich ganz langsam nahm ich das Fernglas hoch. Noch stand mein Ansitzbock mitten in der Sonne – ich musste also richtiggehend leuchten... Doch der Bock schien noch etwas verschlafen zu sein, gab mir einmal mehr Zeit, ihn im Fernglas genau zu beleuchten. Ja mein Freund, heute musste es doch mal klappen...!
Der Bock zog im hohen Weizen spitz auf mich zu. Die Waffe hatte ich schon längst im Anschlag – an einen Schuss aber war noch nicht zu denken. Mein Puls raste immer mehr, meine Arme schliefen ein, aber bewegen war jetzt tabu. Nun waren es vielleicht noch knapp 50 Meter. Diese zehn Meter mochte er in einer viertel Stunde geschafft haben. Meine Arme spürte ich kaum noch. Eine Mücke hatte sich meine Augenbraue ausgesucht und genoss offensichtlich den langsamen und gefühlvollen Einstich – ich hätte ausrasten können!!!
Der Alte vor mir aber hatte alle Zeit der Welt, döste stehend vor sich hin, sicherte lustlos in meine Richtung, steckte seinen Äser wieder in den Weizen.
Endlich: Langsam, wirklich ganz langsam schien er sich breit stellen zu wollen, doch bevor ich den Gedanken zu Ende gebracht hatte, hatte er sich um 180 Grad gedreht und zog wieder von dannen, noch langsamer als vorher in meine Richtung.
Ich hatte die Waffe noch immer im Anschlag. Der Bock warf auf, sicherte nach rechts zum Waldrand und brach polternd durch den Weizen dorthin. Erst jetzt sah ich den bekannten starken Jährling, der sofort das Weite suchte.
Der Alte brach die Attacke ab und stand in besonders hoch gewachsenem Weizen. Lediglich sein Haupt war noch zu sehen. Zwei Schritte machte er aus der Senke heraus, stand breit und präsentierte mir provokativ seinen Träger, auf 50 Meter – er wusste wohl, dass ich keinen Schuss auf den Träger anbringen würde.
Ich war immer noch hoch angespannt, verfolgte den Bock mit dem Ziel auf jeden Schritt, den er tat. Kurz peilte ich die Gesamtlage: etwa 20 Meter noch hatte der Bock in der Fahrspur zu absolvieren, dann kam eine Fehlstelle – meine Chance.
Vom Dorf drangen Stimmen, zwei junge Männer liefen auf der Plattenstraße und kamen in unsere Richtung. Das kennt der Bock, wird sich nicht aus der Ruhe bringen lassen – war meine Hoffnung. Und so war es auch. Aber, die Männer kamen in das erhoffte Schussfeld. Und genau jetzt erreichte auch der Bock die Fehlstelle, stand frei, leckte sich die Decke, während die Männer genau in der Verlängerung des Schussfeldes liefen. Der Bock stand still, sicherte zu den Männern, die nun die Straße verließen und genau auf uns zu durch den Weizen liefen. Ich war am Verzweifeln, selbst die Mücken registrierte ich nicht mehr, die mein Gesicht bevölkerten. Ich hätte schreien wollen und auch können: Der Bock stand frei, ich nur etwa 50 Meter entfernt und an einen Schuss war noch immer nicht zu denken. Nun wurde es auch dem Bock lästig mit den Beiden, er zog die Fahrspur bis in das Vorgewände und zog nun wieder auf mich zu, die Männer näherten sich weiter, waren vielleicht noch 200 Meter weg. Keineswegs hektisch zog der Bock auf mich zu, stoppte mal und sicherte zurück, zog dann wieder ruhig ein paar Schritt. Ich war die ganze Zeit im Anschlag, folgte dem Alten und hatte langsam Schwierigkeiten, ihn vernünftig in´s Ziel zu bekommen. Und schließlich stand er vor mir: 10 Meter – ich war am Verzweifeln. Die Männer noch etwa 120 Meter von uns entfernt. UND ICH ? – Schoss nicht....
Der Bock verschwand, ich grämte mich richtig und war wütend auf die beiden Kerle. Es dauerte ewig, bis ich mich wieder etwas beruhig hatte. Hatte der Sack wieder Glück gehabt! Oder war ich zu vorsichtig? Ich wollte den beiden Kerlen ja nun auch nicht gleich ´nen Herzkasper verabreichen. Und wer weiß, wen sie einem auf den Hals geschickt hätten, wenn man geschossen hätte, während sie nur 120 Meter entfernt waren. Ach was, hätte, wäre könnte – erledigt. Bock weg, Chance vertan!
Ich beschloss, die Ruhe zu genießen. Links von mir im Wald schreckte der Bock. Klasse, nun hatte er auch noch Wind von mir bekommen. Schlimmer geht nimmer.

Über mir ertönte das erste abendliche Quorren einer Waldschnepfe. Meine Freundin war also wieder aktiv, wie jeden Abend. In der Ferne flogen ein paar Graugänse, wohl zum Nonnensee. Hinter mir schimpfte ein Buntspecht. Die beiden Kerle waren schon eine Weile verschwunden. Ein Blick auf meine Uhr: kurz vor Neun. Ein Blick nach rechts: ein Bock! Nein DER BOCK! Ich war dem Herzkasper nah. Langsam die Waffe aufnehmen. Bock steht frei, Ziel sucht das Blatt, Blatt frei, Zielstachel knapp hinter dem Blatt und rums!

Gnadenlos zerreißt der Büchsenknall die abendliche Ruhe hier. Und dabei habe ich sie nach dem windigen Aprilwettertag und der gerade etwas abgeklungenen Aufregung um den Alten wirklich genossen. Der Alte hat den Knall wohl kaum noch gehört. An Ort und Stelle ist er verendet. Nach allem, was ich mit ihm schon erlebte hatte, war dieser Abgang fast ein wenig unspektakulär...
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Kommentare

08.06.2009 08:27 Bender
Waidmannsheil !!

Tolle Geschischte und eine die man nicht so schnell vergisst !

Bender
08.06.2009 08:33 Wachtelhund
Auch hier nochmal Weidmannsheil, klasse Geschichte!
Ich weiß nicht, was ich die beiden Kerle alles genannt hätte. Wahrscheinlich hätte es auch ohne Schuß da schon laut geknallt, weil ich explodiert wäre.

Gruß
Jens
08.06.2009 11:29 Hirschmann
Weidmannsheil zum Alten!

Super geschrieben, wirklich!
08.06.2009 14:44 swinging_elvis
Was ein Recke, welch Dachrosen, welch hohes Verantwortungsbewustsein!
Waidmannsheil! Den hast Du Dir verdient! Das war wirklich Arbeit... und am Ende schön den Kreis geschlossen. Feine Geschichte. Andere hätten vielleicht einen Bock +2 Jogger zur Strecke gelegt..
Waidmannsgruß, elvis
08.06.2009 15:50 jaegerlein007
Waidmanns Heil
08.06.2009 15:54 anser
swinging_elvis schrieb:
Was ein Recke, welch Dachrosen, welch hohes Verantwortungsbewustsein!

Waidmannsheil! Den hast Du Dir verdient! Das war wirklich Arbeit... und am Ende schön den Kreis geschlossen. Feine Geschichte. Andere hätten vielleicht einen Bock +2 Jogger zur Strecke gelegt..

Waidmannsgruß, elvis



Das mit den Joggern war auch reine Körperbeherrschung ... - ich war selbst begeistert, dass ich so standhaft geblíeben bin...
08.06.2009 18:44 Dirk71
Ich konnte richtig mitfühlen: "Eine Mücke genoss offensichtlich den langsamen und gefühlvollen Einstich"

Toll geschrieben,
Waidmannsheil!

Dirk
08.06.2009 18:47 Gallo75
Sehr schön
An solche Geschichten erinnert man sich ein Leben lang. Das macht unsere Leidenschafft aus!

Waidmannsheil zu diesem Bock.
Bravo
09.06.2009 07:38 SauerlaenderJung
Wahnsinnig toll geschrieben, ich sah mich neben dir auf dem Sitz sitzen. Ich konnte förmlich die Marke der Joggingklamotten der beiden Kerls erkennen, so fesselt einen deine Erzählung!

Ein großes, aufrichtiges Weidmannsheil zum Grauen und zu deiner Geschichte! 5*
09.06.2009 07:42 anser
SauerlaenderJung schrieb:
Wahnsinnig toll geschrieben, ich sah mich neben dir auf dem Sitz sitzen. Ich konnte förmlich die Marke der Joggingklamotten der beiden Kerls erkennen, so fesselt einen deine Erzählung!



Ein großes, aufrichtiges Weidmannsheil zum Grauen und zu deiner Geschichte! 5*


- Die Marke der Joggingklamotten habe ich nicht mal erkannt Ich beneide dich fast um deine Fähigkeiten...

Aber auch dir: Weidmanns Dank! Und: Mit jedem Tag nach dem Tag X wächst die Freude über den Alten
09.06.2009 09:53 ssquat
Und das nennst Du einen "fast ein wenig unspektakulären Abgang"??? Ich hab' ja schon vom Mitlesen beinahe einen Herzkasper bekommen.

Mannomann, das war doch Bockjagd vom Feinsten: Alles drin von "Himmelhochjauchzend" bis "Zutodebetrübt", Pulsrasen, Frustration und Erfolg. Und als Krönung eine begehrenswerte, wahrhaft reife Trophäe eines Bockes, den Du länger kanntest als nur fünf Sekunden.
Echt: Ganz großes WH und fünf Punkte!
09.06.2009 10:02 anser
ssquat schrieb:
Und das nennst Du einen "fast ein wenig unspektakulären Abgang"??? Ich hab' ja schon vom Mitlesen beinahe einen Herzkasper bekommen.



Mannomann, das war doch Bockjagd vom Feinsten: Alles drin von "Himmelhochjauchzend" bis "Zutodebetrübt", Pulsrasen, Frustration und Erfolg. Und als Krönung eine begehrenswerte, wahrhaft reife Trophäe eines Bockes, den Du länger kanntest als nur fünf Sekunden.

Echt: Ganz großes WH und fünf Punkte!



Weidmannsdank !!! Ja, der zum Erfolg führende Kontakt mit dem Bock war kurz, das Erlegen schon wirklich ein bißchen zu leicht im Vergleich zu den vorherigen Erlebnissen mit ihm... Aber schon vorher hatte ich die eine oder andere Situation, in der ich mich letztlich doch nicht hinreißen ließ, die Kugel aus den Lauf zu schicken. Da war auch nie viel Zeit zum Überlegen: Ein kurzer Zweifel - Gelegenheit weg...
09.06.2009 10:05 kammerjaeger
schön erzählt, so muß es sein!
09.06.2009 17:20 Schinko
Hervorragende Erzählung. Gutes Beispiel auch für die Jagdtage, die unter unmöglich scheinenden Umständen ablaufen und trotzdem mit guter Beute einhergehen.

Grüße, Hannes
09.06.2009 22:53 Muscardinus
Waidmannsheil!

Das ist Jagd!!!
Selbst beim Lesen bekam man Jagdfieber!

11.06.2009 21:18 Bracke82
Waidmannsheil

spannende Geschichte bekommt man direkt Lust raus zu gehn
12.06.2009 00:35 Malepartus
sehr schön geshrieben 5er
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