Zur mobilen Version wechseln »
Jagd-VideosCommunityMediadatenNewsletterFormulare & Vordruckejagderlebenlandlive.deANVISIERTPRAXISSERVICEMARKTJAGD-WETTERAPPSPirschunsere JagdNiedersächsischer JägerDer Jagdgebrauchshund
Erweiterte Suche »
UploadChatForenFotosFotoalbenVideosBlogsTermineMitgliederGruppenPartnersuche

Junizeit

(1 Eintrag)

junimond.jpg junikeiler.jpg Juni-Mond-Sau.jpg
423 mal angesehen
10.12.2008, 20.33 Uhr

Junizeit

Endlich, endlich war ich wieder in meinem schönen Hessen-Revier angekommen. Die Steinsmühle sollte es sein, ein Hochsitz 50 m vom Waldrand entfernt mit weitem Blick ins Feld, in einen Wiesenschlauch und auf die noch ungemähten Wiesen. Traumhaft war die Natur und das Wetter tat sein Übriges, um ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen. Blau war der Himmel und bei meiner Ankunft um 20:00 Uhr lachte noch die Sonne am Firmament. Hinten in meinem Kombi sitzend und die Stiefel schnürend wehte mir ein leichter Wind ins Gesicht. Nun ja, ideal erschien mir das nicht, trug dieser doch so meine Witterung genau in den Wiesentunnel, in dem ich natürlich Anblick erwartete. Aber andererseits – verwarf ich die Bedenken – kann das Wild bei der Vegetation aus allen Richtungen kommen, der Himmel hat vier Richtungen und der Wind kann nur in eine pusten. Derart moralisch gestärkt stapfte ich durch die Traktorspur im Weizen meinem Abendansitz zu.

Und tatsächlich – die Gräser der Wiese wucherten bis unter meine Arme, sicher keine einfache Jagd, aber dieses Naturerleben macht das wett. Vielleicht suchte sich ja mein Bock eine kleine „Schießlücke“ aus…

Entspannt lehnte ich mich zurück, genoss die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht, döste ein wenig, ließ den Blick in der wunderbaren Umgebung schweifen, Entspannung pur. Das Wild konnte sich ruhig noch ein wenig Zeit lassen.
Gegen 21:00 Uhr bemerkte ich eine Bewegung vor mir im Gras. Ein weibliches Stück zog langsam und teilweise unsichtbar durch die Wiese, verhoffte, äste hier und da ein wenig, schien aber zielstrebig auf eine Hecke zuzuhalten. Schon längst hatte ich es aufgrund der noch grauen Decke als Ricke angesprochen, was ein kurzer Blick auf die pralle Spinne bestätigte. Sicher war sie auf dem Weg zu ihrem Kitz.
Derweilen packte ich meine Kamera aus und versuchte, die Schönheit der Natur im Bild festzuhalten. Klick nach vorne, klick nach hinten, Weitwinkel, Tele… so würde ich mich noch lange an diese Zeit erinnern können.

Und jetzt, unglaublich früh wie mir schien, zeigte sich am Horizont in voller Pracht der aufgehende Mond. Zuerst nur angedeutet lag der fast volle Himmelskörper bald wie eine Kugel über den Wiesen und Feldern und füllte die Szenerie zusammen mit dem noch nicht ganz verglommenen Tageslicht mit einer unwirklichen Atmosphäre. Schön…

Aber warum war ich eigentlich hier? Ach ja, jagen… Erneut glaste ich die Wiesen und Waldränder ab und tatsächlich, im Wiesentunnel war ein Reh zu erkennen. Dunkelrot, also nicht meine Ricke. Aber weit war es, also Spektiv ausgepackt und angesprochen. Sollte dies mein Knopfer sein, den ich im Mai wegen des noch vorhandenen Bastgehörns nicht erlegt hatte? Ein Spekulieren war das, Auflage auf den Rucksack – ja so geht´s… und tatsächlich, zwischen den Lauschern zeigten sich zwei dünne Pinne. Er war es! Der Blick durch das Glas der Büchse bestätigte aber meine Vermutung, dass dies für mich zu weit war für einen waidgerechten Schuss. Nicht die Hälfte der Lücke zwischen den Balken des Absehens 4 füllte er aus. Wenn auch die Auflage ruhig war und mit zwölffacher Vergrößerung das ganze machbar erschien – besser nicht… oder doch versuchen?

Knack – machte es neben mir im Wald, während ich im Anschlag lag. An der Mosel beim Kirrungsansitz würde ich jetzt anwechselnde Sauen vermuten, aber hier in meinem Revier stromerten die Schwarzen nur in Zufällen vorbei, und dann wirklich nur schwupps über die Wiese und weg. Also weiter visiert. Knack – machte es erneut. Irritiert schaute ich zur Seite auf dem Waldrand. Was war da los. Eine leise Bewegung in einer Blätteröffnung ließ mich erstarren. Da war etwas… zunächst spielte mir mein Unterbewusstsein einen Menschen vor, der dort unbeweglich stand, bis sich eine Sau aus diesem Geisterbild löste. Eine Sau, ein Wildschwein, ein Schwarzkittel…!
Sofort anderes Bein über die Sitzbank und in Richtung Wald ausgerichtet. Die Büchse hielt ich ja bereits in der Hand. Da zog sie weiter am inneren Waldrand vorbei. Deutlich hörte ich das tapp-tapp-tapp im trockenen Buchenlaub. Vorbei ging es an einigen weiteren Waldfenstern. Das Stück schien alleine zu sein. Langsam ging ich in Anschlag. Würde es auswechseln? Und wenn, so galt es zunächst, das Stück anzusprechen.
Im Glas und mit den Ohren verfolgte ich den Wechsel des Wutzes und – unglaublich – in ca. 40-50 m Entfernung wechselte sie vor mir in die Wiese – und verhoffte nach 5 m.
Wie Drahtseile waren die Nerven gespannt. Ein Frischling war es nicht, diese Sau hatte sicher 50 kg. Mannomann. Jetzt wechselte sie weiter – flüchtig der Gedanke, schon zu spät zu sein, denn hier hatte man oft nur eine Chance! Aber – nach ca. 10 m verhoffte sie wieder, breit…
Und dann ging alles rasend schnell. Alleine, braune Schwarte, Überläufer, Blatt, Drückefinger.
Mit einem - wie mir erschien – unglaublich lauten Knall verließ die .30-06 den Lauf. Die Sau ruckte, warf sich herum und raste spitz von mir weg auf den nahen Waldrand zu. Gebannt starrte ich auf den Einwechsel und vor allem… strengte meine Lauscher an zu hören, was sich im Wald tat. Ein dumpfer Laut, ein leises rascheln… was war passiert?
Häufig kann man hören, wie eine tödlich getroffene Sau Bäume annimmt, krachen und brechen im Wald… das alles war mir hier zu wenig. Leichte Unsicherheit, aber ich war gut hinterm Blatt gewesen. Das musste geklappt haben. Zu lange durfte ich aber nicht warten, denn das Licht schwand merklich.

Nach 10 Minuten nahm ich das Glas vom Repetier und machte mich auf zum Anschuss, welcher aufgrund des niedergetretenen Grases nicht schwer zu finden war. Ja – bemerkte ich erfreut – hier lag deutlich erkennbarer Lungenschweiß. Die Sau konnte nicht weit sein. Der mit Schweiß gesprenkelten Fluchtspur langsam folgend kam ich zum Waldrand, wo das Stück durch die tief hängenden Äste einer Fichte gewechselt war. Diese umgehend trat ich an den Stamm des Baumes, der – aha – einen deutlichen Schweiß-Wischer aufwies. Hier war sie vorbei. Also weiter im schon dunklen Wald, eine starke Taschenlampe sollte mir helfen.

Aber was war das? Es ließ sich kein Schweiß mehr finden. Sorgsam leuchtete ich den Boden ab. Hier begann niedriger Brombeerwuchs. Die grünen Blätter müssten mir doch etwas zeigen – aber nichts. Verunsichert wechselte ich zurück zum Baumstamm, suchte vor, fand aber nichts. Ich hatte bisher erfahren, dass Sauen mit solchen Treffern schnurgerade in Deckung abspringen und auch hier nur noch geradeaus flüchten, bis sie das Leben verlässt. Sollte mein Schwarzkittel einen Haken geschlagen haben? Ich konnte es nicht glauben. Verzagt ging ich zurück an den Anschuss, verbrach ihn mit einem Taschentuch und nahm in der schnell hereinbrechenden Nacht erneut die Nachsuche auf. Genau dieselben Zeichen, Flucht bis an den Baum – Ende. Das konnte doch nicht sein. Zerknirschte trat ich ein paar Schritte zurück. Da musste wohl ein Schweißhund helfen… Verzagtheit machte sich breit…

Aber was war das? Dieser große Klumpen keine drei Meter neben mir? Meine Sau? Ja, da lag sie. Tausend Steine fielen mir vom Herzen. Auf kurzer Distanz war ich an ihr vorübergegangen. Was war passiert?

Rauschend war der Überläuferkeiler abgegangen und hatte im Wald die Bäume nicht nur angenommen, er war mit voller Wucht frontal mit der alten Fichte zusammengestoßen. Im Unterkiefer waren beide Äste gebrochen, der Oberkiefer und Nasenbein waren auf sicher zehn Zentimeter zersplittert. Ich war fassungslos, auch über die Erlegung einer solch „groben“ Sau, welche für mich bis heute der „Lebenskeiler“ ist. Das Gewaff war zum Glück heil geblieben!

Aber wie sagt man: Mit dem Schuss fängt die Arbeit erst an. Nach der roten Arbeit unterm Hochsitz gelang es mir nicht, das Stück an der Leiter aufzuhängen. So ließ ich es an der Böschung des Ransbach ausschweißen, welcher mir auch kühles Nass zum Reinigen von Händen und Messer bot. Dann setzte ich mich auf die unterste Leitersprosse neben „meiner Sau“ und hielt die Totenwache, dachte an diese unglaublichen, unvorhersehbaren Ereignisse, welche die Jagd und Diana dem Waidmann immer wieder bescheren.

Nach Einbringung in die Kühlung saß ich auf der Bank vor der Jagdbude und schaute in den Nachthimmel hinauf, gelähmt, nicht in der Lage, zu verstehen, was mir heute Abend erneut geschenkt worden war…
Durst hatte ich allerdings, verwarf um halb zwei morgens den Gedanken an einen Morgenansitz um vier und trank lieber ein kühles Blondes mehr. Gegen zweie schob ich mich in den Schlafsack ein, so wie der Überläufer-Keiler es sicher schon oft in Dickungen getan hatte… und entschlummerte, während der große Wagen über dem Dach meiner Behausung wachte.

PS: Im Frühling des Folgejahres warf ein schlimmer Sturm genau jene alte Fichte um... sie war wohl in den Grundfesten erschüttert worden... Aberglaube? Gibt es unter Jägern nicht.........
offline

Geschrieben von

Private Nachricht schreiben »

swinging_elvis

swinging_elvis

Alter: 44 Jahre,
aus Dubai
Anzeige

Schlagwörter

Bitte gib die Schlagwörter mit Komma getrennt ein.

Kommentare

10.12.2008 20:42 Lakai
Tolle Geschichte, wirklich gut geschrieben!

Waidmannsheil zur Sau! Ich warte auch noch auf meine Erste.

Gruß Jan
10.12.2008 20:46 Renevolution81
Mann o Mann, jetzt denkt der Elvis wieder an den Sommer- wo doch jetzt die Roten auf der weißen Pracht umher schnüren! Aber ich verzeihe es Ihm nochmals - Rückschau nach alter Cramer klett Manier muss sein Wie immer schön erzählt- weiter so!
10.12.2008 20:51 swinging_elvis
Lakai schrieb:
Waidmannsheil zur Sau! Ich warte auch noch auf meine Erste.
Gruß Jan


Hat bei mir auch ein wenig gedauert... hatte schon einige gestreckt, allerdings als Gast... diese war meine Erste im Begehungs-Revier, in dem ich zunächst mit Opas Drilling und 8x56er fest auf Drückjagd war (man, haben die gelacht.. vor allem die beiden Überläufer, deren Borsten ich auf 30m gezählt habe...) und dann oft Sauen laufen lassen, da ich mir im Ansprechen nicht sicher war... Also dran bleiben... die Erste ist dann ein unvergessliches Erlebnis! elvis
10.12.2008 20:51 swinging_elvis
Renevolution81 schrieb:

Mann o Mann, jetzt denkt der Elvis wieder an den Sommer- wo doch jetzt die Roten auf der weißen Pracht umher schnüren! Aber ich verzeihe es Ihm nochmals - Rückschau nach alter Cramer klett Manier muss sein Wie immer schön erzählt- weiter so!


Wer ein ILLUSTRIERTES Buch rausbringen will, muss flexibel sein elvis
10.12.2008 21:21 Knallfroesch
Hallo swinging_elvis!

Super Erzählung - zum miterleben. Bitte mehr davon

Gruß v. Knalli
11.12.2008 09:08 platzi
Gut erzählt, liest sich angenehm und man meint dabei zusein.
Die Fotos unterstreichen das ganze...

Weidmannsheil zur Sau

Diether
13.12.2008 20:58 Ruedemann
Anschaulich erzählt - sprachlich perfekt - gratuliere! Wmh Ruedemann
Tipp für iPhone-Benutzer: Du kannst alle Kommentare durchblättern, indem du zwei Finger zum Scrollen verwendest.
Anzeige
Zum Seitenanfang