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Mein erster Bock

(1 Eintrag)

Mein erster Bock
282 mal angesehen
24.10.2008, 14.26 Uhr

Mein erster Bock




Nach einem dreiviertel Jahr intensiver Lernerei, natürlich auch gewürzt mit viel Spaß, war es im Mai diesen Jahres endlich so weit. Ich hatte die Jagdscheinprüfung bestanden! Wie aber sollte ich nun an jagdliche Praxis kommen? Ein Großteil des Freundes und Bekanntenkreises ist jagdlich tätig, aber Neulingen – und gerade Frauen - gegenüber, verhalten sie sich doch ziemlich bedeckt. Und so einfach einen anzusprechen, ob er mich denn einmal mitnehmen würde, schien mir nicht der richtige Weg zu sein.
Mein Mann ermunterte mich, doch ein Novum, eine “Jagdscheinfeier“ zu veranstalten. Zu dieser Feier lud ich alle befreundeten Jäger sowie Revierinhaber benachbarter Reviere ein. Zu meiner großen Freude hatte eine Vielzahl Jäger diese Einladung angenommen und es wurde ein netter, mit einigen Jagdepisoden gespickter Abend. Das schönste aber für mich war, dass die drei Pächter des Nachbarreviers mir einen Jährlingsabschuß freigaben. Schriftlich, wie ich es im Fach Recht gelernt hatte.
Rüdiger, der Jäger, in dessen Revierteil ich nun den Jährling schießen sollte, nahm mich mit, wies mich ein in die Reviergrenzen und sagte dann nur: „da unten ist ein Hochsitz… hier kannst du Schalten und Walten wie du möchtest, wir lassen dich hier ganz in Ruhe, denn man Waidmannsheil!“ Da schluckte ich erstmal, denn jetzt war ich plötzlich auf mich allein gestellt. All das, was ich gelernt hatte in der Zeit der Ausbildung, nun hieß es, das richtig umzusetzen. Andererseits freute es mich, dass man soviel Vertrauen in mich setzte, dies auch tatsächlich allein zu bewerkstelligen.
Noch am gleichen Abend schmiss ich mich in grüne Kleidung, schulterte Schwiegervaters Büchse (mit der ich zuvor auf dem Schießstand war) und machte mich freudig, aber auch etwas gespannt, auf den Weg. Mein erster Ansitz! Was ich wohl sehen würde? Rüdiger hatte mir noch gesagt, dass der Hochsitz wohl frei geschnitten werden müsste und so hatte ich vorsichtshalber, und zum Glück, einen Klappstuhl dabei. Der Hochsitz war derartig zugewachsen, dass ich ihn gar nicht erst fand. Somit setzte ich mich an die Ecke eines Wildackers und wartete. Nach einer ganzen Weile ragte über die Pflanzen auf dem Wildacker ein Haupt hinweg. Das Glas vor und „oh!“. Was für ein Bock, was für ein abnormes Gehörn! Auch wenn er abnorm war, so war er nicht zu schießen für mich, denn ein Jährling war er beileibe nicht. Bei seinem Anblick war mir aber klar, dass das keine gute Idee war, mich an diesen Wildacker zu setzen, denn der Bewuchs war viel zu hoch und uneben das Gelände. Tja, dachte ich mir, das sind eben die Fehler eines Jungjägers! Vielleicht aber auch ganz gut so, denn aus Fehlern lernt man (frau).
Am nächsten Tag fand ich dann den Hochsitz und mit einer Astschere bewaffnet machte ich mich daran, diesen frei zu schneiden. Etliche Ansitze, morgens und auch abends folgten, doch kein Jährling zeigte sich. Auch der Abnorme war nicht mehr zu sehen, aber inzwischen kannte ich wohl jede Ricke dort.
Es wurde Ende August und Rüdiger meinte, dass ich nun doch bald mal „zu Potte kommen müsste“. Nach dem ich ihm erläuterte, dass da wohl kein Jährling sei, zeigte er mir einen anderen Hochsitz. „Da läuft aber was rum…!"

Der nächste Tag war ein Sonntag, bedeckt, leicht regnerisch und frisch. Bereits kurz nach 17 Uhr saß ich in meine grüne Regenjacke gepackt oben und wartete. Kurze Zeit später sah ich ein Schmaltier, dass sich im Windschatten eines Knicks in etwa 200 Meter Entfernung nieder tat. Zwei Stunden beobachtete ich es, bis es sich wieder trollte. Und plötzlich, auf der gerade erst aufgelaufenen Zwischenfrucht auf dem Schlag rechts neben mir, in mehr als 200 Metern Entfernung, ein roter Fleck. Ich nahm das Glas hoch. Eigentlich lag mein Hauptaugenmerk auf seinem Haupt und kurz registriert hatte ich auch, dass er etwas “auf“ hatte, aber mein Blick wurde abgelenkt. Was war das? ` Himmel, der lahmt ja! Nein, so heißt das in der Jägersprache nicht! Ist doch kein Pferd`. Es wollte mir aber bei der Aufregung die mich jetzt erfasste partout nicht einfallen, wie so ein kranker Bock nun genannt wurde. Es war mir dann aber auch egal, denn für mich stand jetzt im Vordergrund, dass ich ein krankes Stück von seinem Leid zu erlösen hatte.
Trotzdem kamen mir Bedenken. Was, wenn Rüdiger diesen Bock kannte und es einen besonderen Grund hatte, dass er ihn hier laufen ließ? Geschichten in denen junge Jäger beim ersten Bock so allerhand falsch gemacht hatten und hinterher förmlich zerrissen wurden, waren uns in der Ausbildung reichlich erzählt worden. Was nun? Vielleicht sollte ich ihn fragen. Das ist ja im Zeitalter der Handys kein Problem mehr. Aber die Telefonnummer hatte ich nicht im Kopf. Kurzerhand rief ich meinen Mann an, er möge doch bei Rüdiger mal nachfragen, ob er diesen Bock kennen würde.
Das Handy bei Seite und das Glas wieder hoch! Jetzt mal alles durchgehen, was wir gelernt hatten in Bezug auf ein krankes Stück. Ich beobachtete seinen Bewegungsablauf. Der rechte Vorderlauf griff nicht so weit vor, wie der linke und er sackte rechts immer etwas ein. Nein, abgekommen war er nicht. Und was genau hat er nun “auf“? Trotz meines 9x63 Glases musste ich konzentriert auf sein Haupt starren. Ganz langsam ließ ich das Glas wieder sinken. Hatte ich richtig gesehen? Noch einmal, nun aber ganz ruhig! Tatsächlich, ich hatte richtig gesehen! Er hatte nur eine Stange! Die Linke fehlte. Das Handy brummte und mein Mann teilte mir mit, dass er Rüdiger nicht erreichen könne. Ich sagte ihm, dass das nun auch egal sei, der Bock hat nur eine Stange und nun sei klar was ich tun müsste.
Für einen Schuß stand er zwar breit, aber die Entfernung war zu weit. Viel zu weit. Ich beobachtete ihn weiter durch das Glas und sprach in Gedanken mit dem Bock, er möge doch auf mich zu ziehen. Das tat er aber nicht. Stattdessen hielt er auf den gegenüberliegenden Knick zu. Allerdings leicht schräg, so dass er doch die Distanz verringerte. Am Knick angekommen äugte er auf das Stoppelfeld dahinter. An dieser Stelle war eine Lücke im Knick, so dass ich befürchtete, er würde gleich hinüber wechseln. Rasch nahm ich die Büchse auf, spannte sie und legte an. Mit angehaltenem Atem sah ich nun durch das Zielfernglas. Was für Unterschied zu meinem Fernglas! Das Glas auf der Büchse ist 6x42…. Der Bock aber tat sich im Windschatten des Knicks nieder. Einen Moment wartete ich noch, dann entspannte ich die Büchse wieder und stellte sie an die Seite. Hoffentlich blieb er nun nicht so lange liegen, wie zuvor das Schmaltier, denn es war ja sowieso schon ein trüber Tag und nun ging es auf 20 Uhr zu. Jetzt durfte ich ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Nach knapp 20 Minuten kam er wieder auf die Läufe und äugte erneut über den Knick. Fernglas weg, Büchse hoch, spannen und einstechen. Ich hatte ihn genau im Glas. Junge, geh mir bloß nicht über den Knick! Ich sah eine Bewegung des Hauptes und drückte ab. Was mich erstaunte, war, was einem in dem Moment noch so alles durch den Kopf geht. Wie oft hatte mein Lehrprinz gesagt: „ wenn ihr zu Schuß kommt, dann haltet ja die Augen offen! Nicht im Moment des Knalls Mucken oder die Augen zu kneifen! Weiter durch das Glas sehen und versucht zu erkennen, wie ihr eventuell abgekommen seid und wohin er abspringt.“ Das im Ohr, hatte ich tatsächlich die Augen offen gelassen. Doch was sah ich? Das Mündungsfeuer, und war für einen Moment geblendet. Schnell über die Büchse sehen! Und direkt da, wo er vorher stand, lag er nun.
In diesem Augenblick fingen meine Hände an zu zittern und mir wurde warm. Ich entspannte die Büchse, griff zu meinem Fernglas doch der Bock rührte sich nicht mehr. Kein Schlägeln mit den Läufen, kein Lauscher der noch mal zuckte. Das nennt man wohl, er liegt im Feuer. Jetzt beschlug auch noch meine Brille. Ganz ruhig bleiben, sagte ich mir und zündete mir eine Zigarette an. Nach dem dritten Zug hielt ich es nicht mehr aus, und rief meinen Mann an. Er versprach gleich zu meinem Hochsitz zu kommen, aus dem Hintergrund hörte ich meine Tochter: „Ich komme mit!“
Danach aber hielt ich es nicht mehr aus. Ich baumte ab, denn ich musste zu dem Bock. Halb im Dauerlauf hielt ich auf die Stelle zu an der er lag und immer wieder stieg warme Luft aus meinem Kragen auf und die Brille beschlug. Als ich bei dem Bock angekommen war, blieb ich einen Moment wie andächtig stehen. Was für ein schönes Tier das doch war. Ich atmete einmal tief durch und langte in dem hohen Gras am Knickrand nach dem Haupt. An der Stange hob ich das Haupt leicht an. Ich musste mich einfach vergewissern, ob tatsächlich nur eine Stange da war. Ja! Ein krankes Stück war von seinem Leid erlöst! Langsam legte ich das Haupt wieder ins Gras, machte auf dem Absatz kehrt und rannte zum Hochsitz zurück.
Kaum war ich wieder an dem Hochsitz angelangt, waren mein Mann und meine Tochter da. Er fragte nur: „wo?“, ich wies mit dem Finger in die Richtung und er pfiff durch die Zähne. Wie das gemeint war, ist mir erst später aufgegangen, denn ein paar Tage später Maß ich die Entfernung ab und zu meinem großen Erstaunen waren es 160 Meter.
Gemeinsam gingen wir wieder hinüber, doch kaum angekommen drehte er sich wieder um weil er versuchen wollte das Auto dichter an den Hochsitz zu bringen. Meine Tochter, mit ihren 13 Jahren schon sehr an der Jagd interessiert, hatte mich zu einigen Übungsabenden begleitet und stellte mir nun allerhand Fragen. Unter anderem: „…und warum kommt da am Kopf Blut raus?“ Wie schon so oft korrigierte ich sie:“ das ist das Haupt und zu Blut sagt man Schweiß.“ Nach einem Augenblick sah ich aber, was sie gemeint hatte. Mit meinem Schuß war ich leicht etwas tief abgekommen, doch es war und blieb ein Blattschuß. Wieso lief nun aber unter dem Haupt Schweiß ins Gras? Ich hob das Haupt an, drehte es und auf der linken Seite, ca. 2 cm schräg unterhalb des Lichtes, war ein Einschussloch zu erkennen. Grübelnd betrachtete ich den Bock. Als ich ihn aber auf die andere Körperseite drehte, war mir plötzlich klar, was geschehen war. Er war nicht im Begriff gewesen über den Knick zu gehen, als ich eine Bewegung im Zielfernglas sah. Er hatte sich stattdessen mit den Zähnen oder auch mit der rechten Stange am unteren Ende seiner Rippen auf der mir abgewandten Körperseite kratzen wollen. Ich war mit der Kugel tief unten in der Kammer abgekommen, sie war durchgeschlagen, auf der anderen Seite ausgetreten, da direkt ins Gehirn wieder eingeschlagen und dann stecken geblieben. Ich hatte also diesen kranken Bock mit einem Schuß zweimal tödlich getroffen. Für einen Moment war ich etwas betroffen. Das war aber auch der Grund, warum dieser kranke Bock auf der Stelle tot gewesen war. Sein Leid war beendet und ich hatte ihm kein weiteres mehr zugefügt. Trotz dieses kuriosen Schusses ein wirklich gutes Gefühl für mich.
Später am Abend hing dann der Bock in Rüdigers Kühlzelle und man konnte an ihm eine zick-zackförmige Narbe vom Träger bis in den rechten Voderlauf erkennen. Also wahrscheinlich ein Autounfall.
Da ich die drei Jäger des Reviers dabei haben wollte, musste ich mich bis zum Bockfest ein paar Tage gedulden. Allgemein wurde mein Abschuß lobend beurteilt, allerdings bezeichnete Rüdiger den Bock nun als den „Doppelbock“, denn er war ja mit einer Kugel doppelt getroffen. Die anderen anwesenden Jäger fingen an ihn darauf hinzuweisen, dass das ja ein Hegeabschuß war, also müsse er mir noch einen weiteren Abschuß freigeben. Rüdiger aber stellte sich taub. Bis dann alle anfingen auf ihn einzureden. Rüdiger wollte davon nichts hören. Er beendete die Diskussion über das was „üblich“ sei damit, dass er sagte: „So viele Böcke haben wir ja nun auch nicht.“
Es war für mich mein erstes jagdliches Erlebnis und ich danke Rüdiger, Paul und Robert dafür, dass sie es mir ermöglicht haben.

September 2007
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Cazra

Cazra

Alter: 55 Jahre,
aus schleswig-holstein
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Kommentare

24.10.2008 15:26 Kuhbett
Waidmannsheil zum 1.Bock!
Schöne Geschichte,..
Gruß Tim
24.10.2008 16:16 Hirschmann
Weidmannsheil zum ersten Bock und dann gleich ein Hegeabschuß!

Prima gemacht! Beim nächsten Mal aber besser warten, bis das Haupt oben ist. Macht sich bei stärkeren Stücken (Rotwild z.B.) besser, wenn die Decke nicht den Schußkanal zusetzt. Nur ein gut gemeinter Tipp...

Gruss
HM
24.10.2008 16:50 Thejel
Waidmannsheil auch von mir.
1. Bock, alles richtig gemacht, toll geschrieben.

Gruß
Thejel
25.10.2008 01:23 Trughirsch
waidmannsheil!!! tolle geschichte, und hoffe auf weitere.
freu mich immer wieder wenn neue blogeinträge geschrieben worden sind! :)


waidmannsheil und lg
25.10.2008 15:58 Anke1607
Waidmannsheil,
eine spannend erzählte Geschichte! Weiter so! Und nochdazu richtig gehandelt bei diesem Hegeabschuss!

Liebe Grüße,
Anke
27.10.2008 12:03 Dorschkoenig
WMH.
mein Fernglas und meine Optik haben die gleiche Vergrösserung...
macht Sinn...
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