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Oh, Du schöne Blattzeit

Blattzeiterinnerungen (7 Einträge)

Mit Handy und Spektiv... Lungenschweiss 1 blattzeit2007.jpg
405 mal angesehen
24.07.2008, 22.49 Uhr

Der Geister-Bock


Wer hat noch nicht von ihnen gehört, den selten bis nie gesehenen Rehbock-Gespenstern. Meist handelt es sich hier um alte Herren, die sich vom Getümmel auf den Wiesen in ruhigere Einstände zurückgezogen haben. Auch brunften Sie nicht mehr im hellen Sonnenlicht sondern stehen mit ihrer Auserwählten im lichten, aber sicheren Altholz.

Schon seit Beginn meiner Jagdleidenschaft geisterte so ein Bock in meinen Gedanken herum. Immer wieder bezog ich aussichtslos erscheinende Ansitze in der Annahme, dass ja hier ein alter Recke seine Fährte ziehen könnte. Nur einmal hatte ich den Eindruck, so einen Waldgeist vorzuhaben.
Mitten im dichtesten Bestand auf einem Schneisenkreuz sitzend regnete es in Strömen und die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten, als ich einen starken Wildkörper vor mir bemerkte. Stolz stand da wirklich ein im Wildbret sehr starkes Stück Rehwild und sicherte vor sich in den Bestand. Ein sicheres Ansprechen war nicht mehr möglich, aber ich glaubte zu wissen (oder es war ein Gespinst eigenen Wunschdenkens), dass ich hier so einen alten Rehbock vor mir hatte, der erst in der Dämmerung den sicheren Einstand verlies.
Seit jenem Erlebnis war der tiefe Wunsch und Glaube, dass es solch starke, heimliche aber unbekannte Böcke in meinem Revier gab, noch stärker.

Ein lauer Abend Anfang August war es. Mehr ein Zufall aus spontaner Entscheidung gemischt mit frisch gemähten Wiesen führte mich weg von den Wald-Feld-Flächen mit regen Brunftbetrieb zu einem Hochsitz im Wald an einem Kahlschlag. Schon beim Angehen um kurz nach sechs fand ein erstaunliches Ereignis statt: An einer offenen Stelle im Wald, überspannt von starken Buchen und gekennzeichnet durch eine "Sackbildung" am Stamm einer solchen, war mir in den letzten Jahren zu fast allen Tageszeiten in der Brunft ein Bock über den Weg gelaufen. Und – oh Wunder – kaum hatte ich diese Stelle passiert, stand vor mir am Rand der Fichten ein Reh, dem Verhalten nach ein Bock. Das Glas bestätigte einen jungen, strammen Sechser, welcher angespannt in den gegenüberliegenden Buchenanflug sicherte. Somit war die Entscheidung gegen einen Schuss schnell getroffen. Zügig wechselte er über den Ziehweg und wenig später sah ich zwei rote Ziemer im Busch verschwinden. Die Blattzeit war also noch im vollen Gange. Na dann auf, auf!

Vorsichtig birschte ich weiter auf dem zugewachsenen Pfad, jedem Zweiglein ausweichend, und kam gut zum Hochsitz. Im Schutze einer von Kyrill umgeworfenen Fichte baumte ich vorsichtig auf, immer auf den Kahlschlag sichernd, ob dort nicht ein Rehhaupt auftauchte. Aber nichts geschah. Ruhe! Gut so!
Entspannt lehnte ich mich zurück, nachdem ich mich eingerichtet hatte. Ein schöner Abend. Blauer Himmel, kaum Luftbewegung, Stille. In aller Gemütlichkeit ließ ich meinen Blick schweifen und ... erstarrte.

Links neben mir grenzte an den Kahlschlag ein Buchenaltholz mit mächtigen grauen Stämmen und lichten, grünen Unterwuchs. Beim Blick auf einen sonnenbeschienenen Fleck fiel mir etwas Ungewöhnliches auf, was sich aber bald als ein Reh im Bett herausstellte. Mit größer werdender Spannung stellte ich fest, dass es sich um einen starken Bock handelte, soviel konnte ich auf ca. 60 m ohne Glas ansprechen. Das in Zeitlupentempo gehobene Glas bestätigte meine Vermutung. Da saß er, wärmte seine Decke und hatte die Lichter geschlossen.
Direkt in Anschlag gehen? Nein – er ruht noch, zuvor kann ich noch ein Foto schießen. Gesagt getan. Bei der Kontrolle des digitalen Ergebnisses erkannte ich, dass der Bock in meine Richtung sicherte. Jetzt aber los. Repetierer hoch, im Anbacken sah ich, wie sich der Bock erhob und mir durch das Zielfernrohr nur noch den Spiegel zeigte. Langsam zog er von mir weg in den Bestand. Meine Nerven begannen zu vibrieren. "Oh nein, bleib stehen, dreh dich, zeige Blatt!" rief ich ihn im Geiste an. Pustekuchen. Gemächlich und nur noch einmal kurz sichernd verschwand er hinter den Buchen.

Die Büchse abstellend konnte ich es nur knapp verhindern, mich in die hölzerne Brüstung des Hochsitzes zu verbeißen. Nein. Das konnte nicht wahr sein. Da hat man seine unverhoffte Beute auf dem Präsentierteller und lässt sie ziehen. Zorn und Ärger über meine Leichtsinnigkeit waren nur schwer zu bändigen. Tief atmend versuchte ich, die grünen Blätter zu durchdringen. Kommt er wieder? In der Blattzeit ist alles möglich. Aber nichts. Doch, da, etwas Rotes. Aber es war die zugehörige Ricke, welche nicht weit von ihm saß, sich nunmehr erhob und ihrem Auserwählten ebenso ruhig und nervenaufreibend folgte. Resigniert lehnte ich mich zurück und redete mir ein, dass Zorn allein den Bock nicht wieder zurückbringen würde. Ja, das war einer dieser starken, unbekannten Recken, den noch nie ein Jäger bestätigt hatte. Nur langsam schwanden die Selbstvorwürfe und wichen den Gedanken wie "Hubertus hat es nicht gewollt!"

Zehn Minuten später ließ mich etwas Rotes links erneut auffahren, aber es war nur die Ricke, welche sich nach dem heißen Tag sicher nun um ihr zurückgelassenes Kitz kümmern wollte. Äsend zog sie an mir vorbei und verschwand rechts hinten im Hochwald. Dann wird der Alte sicher auch nicht mehr erscheinen...

Nur langsam wich die Anspannung und wallte nur kurz auf, als in der letzten Dämmerung ein Fuchsrüde die Vogelwelt des Kahlschlags erregte. Direkt unter dem Hochsitz kam er mir, nässte und folgte der Ricke. Der Abend war gelaufen. So leise wie möglich baumte ich ab und verkrümelte mich.

In der Nacht an der Jagdbude beim Gute-Nacht-Bierchen kam ich dann aber doch nicht umhin, immer wieder einen Blick auf mein Foto vom erträumten Bock zu werfen. Da saß er im Bett, starke, gut geperlte Sechser-Stangen, und sicherte zu mir her. Als am kommende Morgen um viere der Wecker klingelte, hatte ich ihn direkt wieder im Kopf. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten entschloss ich mich, den Kahlschlag erneut aufzusuchen. Oder hatte mein Geisterbock vielleicht schon meine Fährte gequert und sich empfohlen? Es half nichts, das Bockfieber hatte mich gepackt. Nur leicht schimmerte die Erinnerung an die meisten solcher Fälle durch, die mich schließlich doch als Schneider nach Hause gehen ließen. Nun denn. Frisch ans Werk!

Im Licht des abnehmenden Mondes schlich ich vorsichtig den Ziehweg entlang. Alle Sinne waren gespannt, der Mund leicht geöffnet, schnell wurde mir warm. Mühsam versuchte ich, jedes Knacksen, jedes Quatschen des Schlammes in der Fahrspur zu vermeiden. Völlig lautlos war es um diese Zeit im Wald. Kein Vogel, kein Geräusch der umliegenden Landwirtschaft. Stille. Unglaublich lange brauchte ich zur Leiter, aber es lohnte sich. Keine Schalen im Laub oder gar Rehschrecken zeugten von abspringendem Wild. Leise, leise die Leiter hoch und oben Platz genommen. Was würde mich heute hier erwarten?

Eine halbe Stunde war vergangen, als ich links eine Bewegung bemerkte. Da kam ein Reh, offensichtlich aber nicht "mein" Bock. Der bekannte starke Jährling war es, der hier seine Fährte zog. Die Nähe verleitete zum Schuss. Andererseits war ich nicht wegen eines Jährlings hier. Jedoch kam dieser aus dem von mir vermuteten Einstand des Alten. Würde der so einen Jüngling in seinem Wohnzimmer dulden? Die Gedanken flogen hin und her. Der Lauf blieb blank. Hier und da fegend verschwand das Böckchen im Wald. Ruhe. Auf dem Kahlschlag begannen die Jungen einer mir unbekannten Singvogelart, lauthals ihren Eltern nach zufliegen, welche im Gesträuch nach Würmern und Raupen für die hungrigen Mäuler suchten. Ein lustiges Schauspiel, wenn die vier Kleinen den Alten auf den Wecker gingen.
Die Spannung des Morgens wich mit dem heraufsteigenden Tag. So langsam machte ich mich mit dem bekannten Gedanken vertraut, wieder einmal vergeblich angesessen zu haben. Solch ein Bock ist und bleibt eben unberechenbar. "Wäre ja auch ein Wunder, wenn es bei Dir Jungjäger klappen würde." In der einkehrenden inneren Ruhe beschloss ich dann aber doch, noch ein wenig länger zu bleiben, vielleicht ein wenig zu dösen und noch ein wenig die Vögel zu beobachten. Einmal kurz aufschauend gewahr ich 40 m vor mit in im mannshohen Gestrüpp des Kahlschlags das Wackeln einiger Zweige.

Sofort war ich wieder hellwach. Glas hoch, zwischen den hoch stehenden Büschen erschienen sehr sonderbare Zweige mit deutlicher Perlung. Und jetzt wurde ich ein anderer, ein Jäger, voll konzentriert auf die plötzlich auftauchende Beute. Waffe hoch, leise in die rechte Hochsitzecke gerutscht, Anschlag. Das Zucken der Ästchen beobachtend schloss ich, dass der Bock bald links auf einer lichten Stelle treten würde. Und da kam er. Haupt, Träger, der gesamte Vorderschlag. In Sekundenbruchteilen saugte sich Absehen 4 im Leben fest und raus war der Schuss. Ich erinnere mich noch, ein "Fall um!" mit in seine Richtung geschickt zu haben. Nix da! Herum reißt es den Starken und in hohen Fluchten sehe ich ihn nach hinten abgehen. Kurzes Rauschen. Stille.

Nur langsam kehrte ich in diese Welt zurück. All meine Sinne waren für kurze Zeit auf das Beute machen konzentriert. Was war geschehen? War ich sauber hinter Blatt abgekommen? Hatte ich vielleicht gemuckt? Diese Frage konnte ich verneinen. Alle Bewegungen waren ruhig und konzentriert gewesen. Stille.
In der erforderlichen Viertelstunde bis zum Abbaumen versuchte ich, mir möglichst genau den Anschuss zu merken. Durch die Fixierung auf das Wild hatte ich die Umgebung ausgeblendet. So einigermaßen konnte ich mir aber den Ort im dichten Gewirr vorstellen. Also herunter. "Oh man, steht das Zeug hoch!" bemerkte ich verunsichert, kam dann aber auf eine lichtere Stelle. Mit hoher Nase vorsuchend konnte ich mein Gefühl des guten Abkommens schnell bestätigen. Die Blätter eines Brombeerbusches leuchteten mir in hellem rot entgegen. Das konnte nur eine Todsuche geben. Jetzt aber Nase runter und "such verwund". Schritt für Schritt arbeitete ich mich durch das mannshohe Kraut. Schweiß sowie eine kleine Fluchtschneise erleichterten die Suche erheblich. Nach kaum 20 m leuchtete es rot-gelb durch die Blätter, in der Spur war er zusammengebrochen, nur sein Haupt wollte mir der Wald noch nicht preisgeben, Blätter verdeckten es. Kurz rieselte der Gedanke an den jungen Sechser von gestern Abend durch meinen Kopf, als ich das Grün zur Seite schob. Im nächsten Augenblick durchfuhr mich ein Hochgefühl des Glücks.
Vor mir lag – man konnte es nicht anders nennen – ein König des Waldes. Überlauscherhohe Sechserstangen mit gehöriger Masse, starke, korallenartige Perlung bis in die Krone hinauf. Ungläubig ob solchen Waidmannsheils kniete ich nieder und betastete immer wieder die Enden, die Perlen und die starken Rosen. Was für ein Bild: ein Jäger steht vor Freude jauchzend mitten im Busch! Waidmannsheil!

Eine halbe Stunde später hing der Gefällte aufgebrochen zum Auskühlen an der Leiter. Die Totenwache hielt ich in luftiger Höhe, mit Blick über den Kahlschlag. Welch Erlebnis. Und siehe: manchmal ist es doch nicht so falsch, an Gespenster zu glauben.
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swinging_elvis

swinging_elvis

Alter: 44 Jahre,
aus Dubai
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Kommentare

24.07.2008 23:22 steyrmannlicher
Sehr schön erzählt wie viel hat das geweih und der wildkörper gewogen tät mich interesieren dank und achso waidmannsheil5*****
gruß steyrmannlicher
24.07.2008 23:48 Mannlicher90
Echt super erzählt!!!
Klingt wie ein Märchen oder so...
*****

Daran wird man sich wohl ewig erinnern...
Wieterhin Waidmannsheil!!!
LG
25.07.2008 07:47 jannis
WMH, sehr schön wiedergegeben, man kann mit dir fiebern!
25.07.2008 08:34 platzi
Als ob ich dabei gewesen wäre!
Wirklich sehr gut und spannend erzählt.
Musste sogar schmunzelnd feststellen, dass so einige Passagen auch von mir slebst erlebt waren.
Beim "suchverwund" musste ich sogar auflachen!
Kompliment! 5P!

Und Weidmannsheil!
Diether
25.07.2008 09:22 faehe81
Waidmannsheil!
Schöne Geschichte

Viele Grüße aus dem Lipperland
faehe
25.07.2008 10:04 Dorschkoenig
Waidmanns Heil.
Schön erzählt und ein klasse Bock...
DK
25.07.2008 10:27 Kevin_jagd
TOP erzählt, natürlich 5Pkt. und wmh
25.07.2008 14:40 Renevolution81
So macht jagen richtig Freude Klasse Jagderlebnis und schön niedergeschrieben Wünsche Dir noch viele weitere solcher Stunden- und uns dann die Geschichten Weiter so!
Gruss René
25.07.2008 18:16 elfinger
Gut gemacht, aber...

Ich finde es schade, wenn so gute Vererber geschossen werden.
Die Trophäe gibts ja auch beim Abwurf.. Ich finds auch nicht
gut wenn bei uns im hiesigen Fischereiverein 30 Jährige Hechte
aus dem Wasser gefischt werden. Die haben einfach
eine Qualität und die Nachkommen werden ähnlich. Bei den
Rehen ist es genauso. Es sollten besser die kümmerlichen
abgeschossen werden- fürs Rehragout ist es ja schliesslich egal.

(wh)
elfinger
25.07.2008 22:58 swinging_elvis
Waidmannsdank. Viel mehr fällt mir nicht ein
@ steyrmannlicher: 16 kg, ca. 250 g
@ elfinger: Wie bei den meisten Schalenwildarten erfolgt auch mein Eingriff meist in der "unteren Abteilung". Solch Erlebnis hat man nur selten. Das macht den Wert desselben u.a. aus. Wenn man dann mal alle Jahre wieder auch einen guten Vererber entnimmt, braucht man also meines Erachtens kein schlechtes Gewissen zu haben. Trotzdem, ein wenig schade ist´s schon...
elvis
27.07.2008 09:43 Meffi
Ganz einfach: Klasse erzählt!!!

Herzliches Waidmannsheil!

Meffi!
27.07.2008 11:29 harzbaer
Tolle Gechichte, klasse erzählt.

Nur weiter so.

Und ein kräftiges Waidmannsheil!!!

Gruß Dirk
13.07.2009 09:22 OEMI
Super Story und toll erzählt - fürwahr sowas gehört veröffentlicht. René hat schon alles hierfür veranlaßt.
Viele Grüsse, OEMI
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